• OTC-Hörgeräte aus der Schweiz – Hörgeräte ohne Hörakustiker?

    Gestern Abend rief mich eine Dame aus Konstanz am Bodensee an. Sie lebt dort ja nicht weit von der Schweizer Grenze entfernt.
    Die Dame ist Hörgeräteträgerin und hat ihre Hörgeräte von einem örtlichen Hörakustiker. Zur Anschaffung der Hörgeräte nutzte sie einen Zuschuss der Krankenkasse.

    Jetzt steht eine Neuversorgung mit IdO-Geräten an. Die 45-Jährige möchte unauffällige Geräte, die im Ohr sitzen.
    Ihr deutscher Hörakustiker machte ihr ein Angebot für gute IdO-Geräte, das sich gut 3.000 € für beide Ohren beläuft.

    Das scheint der Dame etwas zu teuer zu sein. Sie möchte nun auf ein Angebot der Schweizer Firma SONETIC zurückgreifen.
    Dieses Schweizer Unternehmen bietet sogenannte OTC-Hörgeräte an. Damit sind „over the counter“-Artikel (über die Theke) aus dem Gesundheitsbereich gemeint, die ohne Rezept direkt über die Theke verkauft werden.

    Wir kennen das von vielen Medikamenten, die früher verschreibungspflichtig waren und heute vom Apotheker als OTC-Produkt über die Ladentheke einfach verkauft werden können.

    Über die Theke verkauft: Sonetic Hörgeräte

    In der Schweiz geht das auch mit medizinischen Gesundheitsprodukten.
    In den USA bemühte sich gerade die Firma BOSE um eine Zulassung für ein OTC-Hörgerät, das aber vor 2020 nicht zu erwarten ist.

    SONETIC ist in der Schweiz also bereits mit OTC-Hörgeräten am Markt.

    Diese werden voreingestellt abgegeben. Das bedeutet: Ihre Grundeinstellung ist für die meisten Höreinschränkungen in irgendeiner Form geeignet.
    Viele Schweizer kaufen sich solche Hörhilfen in Geschäften, die Gesundheitsprodukte anbieten.

    Keine individuelle Anpassung durch den Hörspezialisten

    Eine individuelle Anpassung an den jeweiligen Hörverlust des Patienten erfolgt nicht.
    Auch die Anfertigung von anatomisch gerechten Ohrstücken ist zunächst nicht vorgesehen.

    Man macht einen Hörtest, wählt mit dem Verkäufer (Apotheker, Drogerist etc.) ein Gerät aus und bekommt es dann mit. Das Ganze dauert weniger als eine Stunde.

    Fraglich ist, welche Qualifikation die Hörgeräteverkäufer haben.

    Sonetic bietet neben HdO-Hörgeräten und IdO-Hörgeräten auch die Produktlinie ProHear an.
    Hierbei erfolgt dann klassisch eine Höranalyse mit Audiogramm und eine umfassende Beratung und Geräteeinstellung durch einen Hörakustiker.
    In diesem Fall erhalten die Kunden Qualitätshörgeräte von Phonak oder Bernafon.

    Vorprogrammierte Geräte? Ist das sinnvoll?

    Grundsätzlich kann sich jeder, der einen Hörverlust hat, ein vorprogrammiertes Hörgerät ins Ohr stecken.
    Er wird damit lauter hören und vielleicht auch besser verstehen.
    Die Hörkurven vieler schwerhöriger Menschen sind sehr ähnlich. Auf diesen sehr häufigen Bereich der Schwerhörigkeit sind die Sonetic-Hörgeräte vorprogrammiert. Liegt also die Höreinschränkung des Schwerhörigen zufällig in diesem sehr allgemeinen Bereich, können ihm die vorprogrammierten Hörgeräte helfen.

    Jedoch ist jedes Ohr anders und auch jedes Gehör und Hörempfinden ist anders. Auch die Kurven der Audiogramme gleichen sich nie exakt.
    Man könnte also fast sagen, dass vorprogrammierte Hörgeräte so ähnlich sind, als würden Menschen mit einer Sehschwäche alle die gleiche Brille bekommen. Für den einen ist sie ein bißchen zu stark und für den anderen ein bißchen zu schwach. Der eine sieht nur links richtig gut damit, der andere nur rechts.

    Weichen aber die notwendigen Sehkorrekturen für rechts und links voneinander ab oder sind noch Hornhautkrümmungen etc. zu berücksichtigen, funktioniert das mit den Brillen schon nicht.

    Ganz ähnlich stellen wir uns das mit Einheits-Hörgeräten vor.
    Sie können helfen und passen, tun es aber oft nicht.

    Schon ab 95 Franken im Netz gebraucht zu haben

    Deshalb, so glauben wir, werden im Netz auch sehr viele Sonetic Geräte teilweise zu Schleuderpreisen wieder verkauft. (Sie sehen das beispielsweise im Titelbild).
    Wir vermuten, dass die Träger sich letztendlich doch für ein professionell angepasstes Hörgerät von einem Hörakustiker entscheiden.

    Was ist zu den Sonetic-Preisen zu sagen?

    Die Schweizer haben einen höheren Lebensstandard als die Deutschen. Die Verdienste und Preise sind höher.
    Viele Produkte, die auch wir hier kaufen können, kosten in der Schweiz erheblich mehr.

    Die Sonetic Hörgeräte kosten:

    GoHear HdO (Hörgerät mit Schallschlauch und Schirmchen) 495 CHF
    GoHear-on HdO (Hörgerät mit externem Lautsprecher (RIC) 795 CHF
    GoHear-in IdO (kleines Hörgerät das direkt im Ohr sitzt 995 CHF

    Damit liegen wir bei Preisen, die durchaus mit Hörgerätepreisen in Deutschland zu vergleichen sind.
    Gesetzlich Versicherte erhalten allerdings in Deutschland noch einen Zuschuss von der Krankenkasse.
    Hinzu kommt, dass mit dem Gesamtpreis für die Hörgeräte in Deutschland auch die Beratung, Betreuung, Reparatur und Wartung weitestgehend abgedeckt ist, und das auf 6 Jahre.

    Somit finden wir die Sonetic-Preise nicht attraktiv.

    Fazit: Aus unserer Sicht bleibt Skepsis

    Die Hörgeräte-Branche steuert ganz eindeutig auf den OTC-Handel zu.
    Vielleicht werden Hörakustik-Geschäfte in Zukunft mehr verkäuferisch-beratenden Charakter haben. Die Feineinstellung ist auch heute schon per Tele-Care über Remote-Verbindungen möglich.

    Aber Hörgeräte, die auf einen für die breite Bevölkerung geltenden Mittelwert eingestellt sind, taugen aus fachlicher Sicht auch nur, wenn der Kunde einen Hörverlust in diesem breiten Mittel hat. Auf individuelle Höreigenschaften wird uns da zu wenig eingegangen.

    Die Anpassung eines Hörgeräts ist aber essentiell. Sie macht aus einem industriellen Massenprodukt erst eine individuelles medizinisches Hilfsmittel.



    Anzeige


    Unserer Auffassung nach führt bei der Anpassung von Hörgeräten kein Weg am Hörakustiker vorbei.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

    Lesen Sie auch

    TV zu laut: Nachbar will Schwerhörige (90) verklagen

    Eine 90-jährige Rentnerin soll möglicherweise vor den Kadi, weil sie ihren Fernsehapparat …