• Ich brauche kein Hörgerät

    Ich brauche kein Hörgerät!
    Dieser Satz tun mir aus zwei Gründen weh.1

    Den einen verlinke ich in der Fußnote, den zweiten nehmen wir jetzt mal unter die Lupe: Die Dame, die das gesagt hat, meint, sie benötige kein Hörgerät.

    Dabei ist Frau Sattler 77 Jahre alt und hört so gut wie nichts mehr.
    Schon seit wenigstens 20 Jahren muss sie bei Gesprächen ständig zurückfragen. Den Fernsehton hat sie so laut gestellt, dass die Nachbarn sich beschweren. Das Klingeln an der Haustür hört sie gar nicht.
    Aus ihrem Bridge-Club hatte sie sich ebenso zurückgezogen, wie aus einem Kaffeekränzchen. Die anderen Frauen würden alle so undeutlich sprechen…
    Außer wurde sie im Verlauf der Jahre selbst immer lauter. „Mutter, schrei doch nicht so!“, war eine ständige Aufforderung ihrer Tochter.

    Die Tochter, mittlerweile auch schon Mitte 50, hatte vor einem Vierteljahr bei sich selbst einen Hörtest machen lassen. Das Ergebnis: Eine Versorgung mit einem Hörgerät rechts war notwendig.
    Kurzerhand nahm die Tochter ihre Mutter mit zum Hörgeräteakustiker. Angeblich nur so, zur Unterstützung. So ganz nebenbei wollte sie dann ihre Mutter zu einem Hörtest bewegen.

    „Na ja, ich dachte, wenn Mutti dann mal dabei ist, kann sie doch auch den Hörtest machen; und dann wird sie es ja Schwarz auf Weiß bekommen und der Fachmann wird es ihr bestätigen, dass sie ein Hörgerät benötigt.“

    Doch die Überraschung im Geschäft des Hörgeräteakustikers war groß, und zwar für die Tochter.

    Als sie nämlich mit ihrer Mutter den Laden betrat, ging der Meister gleich auf die alte Dame zu: „Guten Tag, Frau Sattler, das ist aber lange her!“

    Tatsächlich war Frau Sattler vor 17 Jahren schon einmal Kundin in diesem Hörakustikstudio gewesen und hatte auch zwei Hörgeräte bekommen.
    Davon hatte die Tochter nichts gewußt.

    „Warum auch“, meinte Frau Sattler nur schulterzuckend: „Die Dinger habe ich nie getragen, die waren teuer genug und jetzt liegen sie in der Schublade herum. Völlig nutzlos.“

    Die Hörgeräte, mittlerweile technisch völlig veraltet, hatten zusammen 2.000 Euro gekostet, waren also keine billigen Einfachgeräte.
    Trotzdem fristeten sie als Schubladengeräte ein nutzloses Schattendarsein im Schuber.

    „Heute kontaktieren wir alle Kundinnen und Kunden regelmäßig“, sagt der Hörakustikermeister dazu: „Aber Frau Sattler war lange vorher bei uns und ist durchs Raster gefallen. Wenn heute ein Kunde seine Hörgeräte nicht trägt, haken wir nach. Liegt es an einer schlechten Einstellung der Geräte, ist mangelnder Tragekomfort die Ursache oder hat sich am Gehör des Kunden etwas verändert? Wenn wir im Gespräch mit dem Kunden diese Fragen geklärt haben, können wir die Geräte so anpassen, dass er sie gerne und ständig tragen wird.“

    Frau Sattler konnte nur schwer von der Notwendigkeit eines neuen Tests überzeugt werden. Doch schließlich willigte sie ein.
    Das Ergebnis stand eigentlich von vornherein fest, lag jetzt aber Schwarz auf Weiß vor ihr, und wurde vom HNO-Arzt auch noch bestätigt.

    Es war ein langer Kampf mit dem -ja so muss man es nennen- Altersstarrsinn der alten Dame. Doch dank des geduldigen und einfühlsamen Hörakustikers und der resoluten Tochter ist Frau Sattler heute Hörgeräteträgerin. Sie ist nun nicht mehr nur Hörgerätebesitzerin mit 2.000 € teuren „Hörgeräteleichen“ in der Schublade, sondern tatsächlich Trägerin.

    „Ich hätte nie gedacht, dass ich so schlecht gehört habe. Ich kann mir ein Leben ohne diese beiden Hörgeräte gar nicht mehr vorstellen. Wie blöd war ich eigentlich?“, sagt Frau Sattler heute dazu.

    Eine durchschnittliche Tragezeit, die die Geräte auslesbar für den Akustiker protokollieren, von 12,5 Stunden/Tag zeigt, dass Frau Sattler es richtig macht: Sie trägt die Hörgeräte vom Aufstehen bis zum Zubettgehen.

    Außerdem sagte Martin Blecker, Präsident der Europäischen Union der Hörakustiker, dazu: „Das Gehör füttert unser Gehirn. Das beste Mittel gegen Altersbeschwerden und Demenz ist gutes Hören.“2



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    1 „Wer brauchen nicht mit zu gebraucht, braucht brauchen gar nicht zu gebrauchen.“
    2 Quelle: wr.de

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