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Schwerhörigkeit: Die Grade einfach erklärt – Was bedeuten 20, 50 oder 80 dB Hörverlust?

6 ratlose junge Menschen

Leicht, mittelgradig oder hochgradig schwerhörig? Viele Menschen erhalten nach einem Hörtest eine Diagnose wie „mittelgradige Schwerhörigkeit“, können mit dieser Aussage aber zunächst wenig anfangen. Was bedeuten diese Begriffe eigentlich? Welche Auswirkungen haben sie im Alltag? Und ab wann ist ein Hörgerät sinnvoll?

In diesem Ratgeber erkläre ich Ihnen verständlich, wie die verschiedenen Grade der Schwerhörigkeit eingeteilt werden, welche Rolle die gemessenen Dezibel (dB) spielen und warum nicht allein die Zahlen über die beste Hörversorgung entscheiden.

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Fachlich erstellt von Hörexperte Peter Wilhelm.


Das Wichtigste auf einen Blick

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilt Schwerhörigkeit nach dem durchschnittlichen Hörverlust auf dem besser hörenden Ohr ein. Dabei gilt:

  • unter 20 dB: normales Hörvermögen
  • 20 bis unter 35 dB: leichte Schwerhörigkeit
  • 35 bis unter 50 dB: mittelgradige Schwerhörigkeit
  • 50 bis unter 65 dB: mittel- bis hochgradige Schwerhörigkeit
  • 65 bis unter 80 dB: hochgradige Schwerhörigkeit
  • ab 80 dB: an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit
  • ab etwa 95 dB: Taubheit

Diese Einteilung dient Ärzten und Hörakustikern als Orientierung. Wie stark Sie sich tatsächlich eingeschränkt fühlen, hängt jedoch von vielen weiteren Faktoren ab.


Was bedeutet ein Hörverlust in Dezibel?

Viele Menschen glauben, ein Hörverlust von beispielsweise 40 dB bedeute, dass sie „40 Prozent schlechter hören“. Das stimmt jedoch nicht.

Dezibel (dB) sind keine Prozentangabe, sondern beschreiben die Lautstärke, die ein Ton mindestens haben muss, damit Sie ihn überhaupt wahrnehmen können.

Ein normalhörender Mensch hört sehr leise Töne bereits bei etwa 0 bis 20 dB. Ist das Gehör geschädigt, müssen Töne entsprechend lauter sein.

Ein Beispiel:

  • Vogelgezwitscher liegt oft bei etwa 20 dB.
  • Eine normale Unterhaltung bewegt sich zwischen 55 und 65 dB.
  • Ein Staubsauger erzeugt ungefähr 70 dB.

Wer einen Hörverlust von 50 dB hat, hört viele normale Alltagsgeräusche erst dann, wenn sie deutlich lauter sind als für Normalhörende.


Die Grade der Schwerhörigkeit im Überblick

Grad Hörverlust (besseres Ohr) Auswirkungen im Alltag
Normalhörigkeit unter 20 dB Sprache und Umweltgeräusche werden problemlos verstanden.
Leichte Schwerhörigkeit 20 bis unter 35 dB Flüstern und leise Stimmen gehen verloren. Gespräche in Restaurants oder größeren Gruppen werden anstrengend.
Mittelgradige Schwerhörigkeit 35 bis unter 50 dB Normale Gespräche müssen konzentriert verfolgt werden. Der Fernseher wird häufig lauter gestellt. Telefonieren fällt schwerer.
Mittel- bis hochgradige Schwerhörigkeit 50 bis unter 65 dB Gespräche sind oft nur noch möglich, wenn der Gesprächspartner deutlich lauter spricht. Viele Missverständnisse entstehen.
Hochgradige Schwerhörigkeit 65 bis unter 80 dB Selbst laute Sprache wird kaum verstanden. Kommunikation ohne Hörhilfe ist stark eingeschränkt.
An Taubheit grenzend 80 bis unter 95 dB Sprache ist praktisch nicht mehr verständlich. Hörgeräte stoßen häufig an ihre Grenzen.
Taubheit ab etwa 95 dB Ohne technische Hilfen können Sprache und viele Umweltgeräusche nicht mehr wahrgenommen werden.

Was bedeutet das ganz praktisch?

Leichte Schwerhörigkeit

Viele Betroffene bemerken zunächst nur, dass andere Menschen „nuscheln“. Tatsächlich werden vor allem hohe Töne schlechter wahrgenommen. Konsonanten wie S, F, T, K oder Sch gehen teilweise verloren.

Oft ist es nicht die Lautstärke, sondern die Verständlichkeit der Sprache, die leidet.

Typische Aussagen sind:

  • „Im Restaurant verstehe ich kaum noch etwas.“
  • „Im Auto verstehe ich meinen Beifahrer schlecht.“
  • „Frauen und Kinder sprechen irgendwie zu leise.“

Mittelgradige Schwerhörigkeit

Jetzt wird das Hören im Alltag deutlich schwieriger.

Viele Betroffene vermeiden größere Gesprächsrunden, weil sie ständig nachfragen müssen. Das Gehirn arbeitet auf Hochtouren, um fehlende Sprachinformationen zu ergänzen.

Abends fühlen sich viele ungewöhnlich erschöpft – nicht wegen der Lautstärke, sondern wegen der enormen Konzentration.

Hochgradige Schwerhörigkeit

Normale Gespräche sind kaum noch möglich.

Fernsehen funktioniert oft nur mit sehr hoher Lautstärke oder Untertiteln. Telefonate werden schwierig oder unmöglich. Ohne Hörgeräte ist eine normale Kommunikation häufig nicht mehr möglich.

An Taubheit grenzende Schwerhörigkeit

Hier reicht selbst modernste Hörgerätetechnik nicht immer aus.

Je nach Ursache kann ein Cochlea-Implantat (CI) bessere Ergebnisse liefern. Dabei wird der Hörnerv elektrisch stimuliert und das geschädigte Innenohr teilweise umgangen.


Nicht jeder Hörverlust ist gleich

Zwei Menschen können denselben durchschnittlichen Hörverlust haben und trotzdem völlig unterschiedlich hören.

Der Grund:

Ein Hörtest misst lediglich die Hörschwelle. Für den Alltag ist jedoch entscheidend, wie gut das Gehirn Sprache verarbeitet.

Deshalb gehört zu einer vollständigen Untersuchung immer auch eine Sprachaudiometrie.

Dabei wird gemessen,

  • wie viele Wörter Sie verstehen,
  • wie gut Sie Sprache im Störlärm erkennen,
  • und welche Lautstärke notwendig ist, damit Sprache wieder verständlich wird.

Gerade diese Untersuchung sagt oft mehr über Ihre tatsächlichen Probleme aus als die reine Dezibelzahl.


Wie wird der Grad der Schwerhörigkeit festgestellt?

Die Untersuchung besteht in der Regel aus mehreren Bausteinen.

Tonaudiometrie

Sie sitzen in einer schallgedämmten Kabine und hören über Kopfhörer Töne unterschiedlicher Frequenzen.

Sobald Sie einen Ton wahrnehmen, drücken Sie einen Knopf.

Aus diesen Messwerten entsteht das sogenannte Audiogramm.

Sprachaudiometrie

Hier hören Sie einzelne Wörter oder Zahlen, die Sie nachsprechen sollen.

Dadurch lässt sich feststellen,

  • wie gut Sie Sprache verstehen,
  • bei welcher Lautstärke das gelingt,
  • und wie groß der Nutzen späterer Hörgeräte sein wird.

Gerade dieser Test spiegelt Ihren Alltag häufig deutlich besser wider als das Audiogramm.


Wann sollte man ein Hörgerät tragen?

Viele Menschen warten viel zu lange.

Sie glauben, ein Hörgerät sei erst notwendig, wenn sie kaum noch etwas verstehen.

Das Gegenteil ist richtig.

Je früher das Gehirn wieder ausreichend Sprachinformationen erhält, desto leichter gelingt die Gewöhnung.

Wird ein Hörverlust über viele Jahre ignoriert, verlernt das Gehirn nach und nach, Sprache richtig zu verarbeiten. Man spricht hierbei von einer auditorischen Deprivation. Selbst moderne Hörgeräte können diesen Verlust später oft nicht vollständig ausgleichen.

Aus diesem Grund empfehlen viele HNO-Ärzte und Hörakustiker, bereits bei einer leichten bis mittelgradigen Schwerhörigkeit über eine Hörgeräteversorgung nachzudenken.


Bezahlt die Krankenkasse Hörgeräte?

Ob die gesetzliche Krankenkasse die Kosten übernimmt, entscheidet nicht allein der gemessene Hörverlust.

Der HNO-Arzt stellt zunächst fest, ob eine medizinische Indikation vorliegt. Maßgeblich sind unter anderem die Vorgaben der Hilfsmittel-Richtlinie sowie das tatsächliche Sprachverstehen.

In vielen Fällen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für eine ausreichende Hörgeräteversorgung vollständig oder leisten zumindest einen erheblichen Zuschuss. Wer zusätzliche Komfortfunktionen oder besonders kleine Bauformen wünscht, muss gegebenenfalls einen Eigenanteil zahlen.


Mein Rat

Ich erlebe immer wieder Menschen, die jahrelang zögern. Sie glauben, sie kämen schon irgendwie zurecht. Tatsächlich gewöhnen sie sich lediglich daran, schlechter zu hören – und ziehen sich oft unbewusst aus Gesprächen und gesellschaftlichen Aktivitäten zurück.

Deshalb empfehle ich jedem: Lassen Sie Ihr Gehör regelmäßig überprüfen. Ein Hörtest dauert meist nur etwa eine halbe Stunde, ist bei nahezu allen Hörakustikern kostenlos und gibt Ihnen schnell Gewissheit. Selbst wenn sich herausstellt, dass Sie noch keine Hörgeräte benötigen, haben Sie einen wertvollen Ausgangspunkt für spätere Vergleiche.


Häufige Fragen (FAQ)

Ab wann gilt man als schwerhörig?

Nach der aktuellen WHO-Klassifikation beginnt eine leichte Schwerhörigkeit bei einem durchschnittlichen Hörverlust von etwa 20 dB auf dem besser hörenden Ohr. Wie stark Sie dadurch im Alltag beeinträchtigt sind, hängt jedoch von Ihrem individuellen Sprachverstehen ab.

Ab welchem Hörverlust zahlt die Krankenkasse ein Hörgerät?

Eine starre Dezibelgrenze gibt es nicht. Entscheidend sind die ärztliche Diagnose, die Ergebnisse der Hörtests und die tatsächlichen Einschränkungen beim Sprachverstehen. Der HNO-Arzt entscheidet, ob eine Hörgeräteverordnung ausgestellt wird.

Kann sich eine leichte Schwerhörigkeit wieder bessern?

Das hängt von der Ursache ab. Ein Hörverlust durch Ohrenschmalz, eine Mittelohrentzündung oder einen Paukenerguss kann oft vollständig verschwinden. Altersbedingte Schwerhörigkeit oder Schädigungen der Haarzellen im Innenohr sind dagegen meist dauerhaft.

Können Hörgeräte das normale Gehör vollständig ersetzen?

Nein. Moderne Hörgeräte verbessern das Sprachverstehen oft erheblich, sie stellen jedoch kein vollkommen normales Gehör wieder her. Je früher eine Versorgung beginnt, desto besser sind in der Regel die Ergebnisse.

Wann kommt ein Cochlea-Implantat infrage?

Wenn selbst leistungsfähige Hörgeräte kein ausreichendes Sprachverstehen mehr ermöglichen, kann ein Cochlea-Implantat eine geeignete Alternative sein. Die Entscheidung wird in spezialisierten HNO-Kliniken nach umfangreichen Untersuchungen getroffen.

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(©si)