• Hörgerät als Headset – Pro und Contra

    Ganz viele neue Hörgeräte punkten mit dem Feature, als Bluetooth-Headset verwendet werden zu können.
    Ohne große Probleme lassen sich diese Hörgeräte mit ganz vielen Audio-Quellen koppeln, die über Bluetooth verfügen.
    Das Besondere: Keiner sieht’s, denn diese Hörgeräte sind winzig. So kann der Hörgeräteträger völlig unbemerkt Musik oder Podcasts hören.
    Für Pfiffige gelingt sogar die Unterhaltung mit Siri und die Steuerung ganzer Smat-Home-Anlagen.
    Für den technisch nicht so gewieften Hörgeräteträger ist aber vor allem das freihändige Telefonieren interessant.

    Telefonieren mit dem Hörgerät – kein Luxus

    Das mögen viele Uneingeweihte für Luxus halten, aber man darf nicht vergessen, dass gerade das Telefonieren viele Schwerhörige vor große Hürden stellt.
    Sie hören mit ihren Hörgeräten gut, die Hörgeräte können Sprache gut aus dem Störschall filtern, aber beim Telefonieren klappt’s dann häufig nicht so gut. Das liegt auch daran, dass die neuen Geräte oft keine T-Spule mehr haben.

    So funktioniert drahtloses Telefonieren mit dem Hörgerät

    Im Prinzip funktioniert das freihändige drahtlose Telefonieren mit dem Hörgerät ganz simpel:

    – der Anruf geht ein und wird beim gekoppelten Hörgerät durch ein nur für den Hörgeräteträger hörbares Signal angekündigt
    – der Hörgeräteträger muss nur den Taster am Hörgerät betätigen und ist mit dem Anrufer verbunden
    – das Gespräch wird nun über den Hörer und die Mikrofone des Hörgerätes geführt

    Vorteile machen die Sache toll

    Das ist toll und die Technik funktioniert auch reibungslos. Bei ausgehenden Anrufen wird der Anruf am Smartphone durch Anwählen oder via Sprachbefehl aufgebaut und am Hörgerät dann geführt.

    Die Vorteile liegen also auf der Hand, oder stecken – wenn man es so will – im Ohr.

    Das Ganze hat aber leider auch Nachteile, oder genauer gesagt, einen großen Haken:

    Vergleich zum herkömmlichen Headset

    Schaut man sich das Titelbild zu diesem Artikel näher an, erkennt man, wie grotesk groß das schon sehr kleine Bluetooth-Headset in diesem Fall von Hama im Vergleich zum aktuellen Hörgerät Unitron Moxi all wirkt.
    Damit scheint alles für das Hörgerät zu sprechen. Die Technik funktioniert, und es ist auch noch viel, viel kleiner und unauffälliger als so ein dickes, ständig blinkendes Teil außen am Ohr.

    Doch da liegt auch der Hase im Pfeffer.
    Denn so groß das Hama-Headset auch sein mag, es schafft es, bis auf 6-8 cm an den Mund heran zu kommen. Es liegt seitlich am Kopf außen und sein unteres Ende deutet bei korrekter Trageweise direkt auf den Mund.

    Hörgeräte sitzen zum Telefonieren am falschen Platz

    Bei den Bluetooth-Hörgeräten ist es der Bauart, dem Zweck und Trageweise geschuldet, dass diese hinter dem Ohr sitzen und dass die Mikrofone dadurch nicht auf den Mund des Trägers zeigen. Die eigene Stimme des Hörgeräteträgers ist für die Audiologen, die solche Geräte bauen, nicht von großer Bedeutung. Sie wird durch Knochenleitung, Okklusion usw. ohnehin als gewöhnungsbedürftiges Nebenprodukt bei der Hörgeräteversorgung empfunden.
    Hörgeräte sind daraufhin optimiert, den Schall aus allen Richtungen zu empfangen, eine Richtwirkung der Mikrofone zu errechnen, die Sprache zu verstärken und Nebengeräusche zu unterdrücken. Und das alles von hinter dem Ohr aus gesehen.

    Dass Hörgeräte hinter dem Ohr getragen werden, ist dem Wunsch nach einer unauffälligen Trageweise geschuldet. Besser aufgehoben wären sie in der Ohrmuschel oder vor dem Ohr, sonst steht den Mikrofonen immer die Ohrmuschel im Weg, um die herum die Mikrofone den Schall aufnehmen müssen.

    Das haben die Auidologen sehr gut im Griff. Mit dieser Thematik beschäftigen sie sich schon Jahrzehnte.

    Beim Telefonieren zeigen sich die Probleme

    Doch jetzt haben wir es mit dem Telefonieren zu tun.
    Die Mikrofone sollen nun nicht mehr den Schall rings um den Hörgeräteträger aufnehmen, sondern sich auf dessen Stimme fokussieren.
    Die eigene Stimme, die sonst eher Nebensache ist, steht nun im Vordergrund. Und die dafür wichtigen Mikrofone sind zwischen 15 und 20 cm (je nach Anatomie) vom Mund entfernt.

    Das bringt es mit sich, dass die Hörakustiker immer mehr mit Leuten zu tun haben, die sich darüber beklagen, dass ihre eigene Stimme beim Telefonieren nicht gut übertragen wird.

    Sie hören den Anrufer zwar laut und deutlich im Hörgerät, aber ihre eigene Stimme kommt beim Anrufenden sehr hallig und wie aus einem Tunnel an.
    Ganz oft fragen die Anrufer, ob man in einer Kiste oder einer Tonne sitzt.

    Kompromisslösung

    Das wissen auch die Entwickler, und es gibt Hörgeräte bei denen man als Notlösung dann doch das Smartphone-Mikrofon vor den Mund halten muss.
    Das ist ein ganz guter Kompromiss, denn so hat man die Hörvorteile seines Hörgerätes und die glasklare Übertragung der eigenen Stimme durch das Smartphone. Aber freihändig und wenig aufwendig ist das nicht.

    Aber es ist ein gangbarer Weg und so würde ich mir wünschen, dass das bei allen diesen Hörgeräten zumindest als Option einschaltbar sein müßte: Hören über das Hörgerät, Sprechen über das Smartphone.

    Was kommt?

    Mit einfachen Mitteln ist dieses Problem derzeit nicht in den Griff zu bekommen.
    Ich habe den Eindruck die Audiologen bei den Herstellern sind begeistert davon, dass es überhaupt geht.
    Die Marketing-Abteilungen jubeln, weil sie dieses Feature pushen können.



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    Doch richtig funktionieren wird das erst, wenn nicht nur die vorhandene Hörgerätetechnik zum Telefonieren genutzt wird, sondern wenn die Hörgeräte so konstruiert werden, dass sie auch technisch auf das Telefonieren optimiert sind. Beispielsweise durch ein Mikrofon am untersten Ende, das mehr in Richtung Mund liegt oder, kühn gedacht, durch ein ausziehbares Mikrofon, das man bis an den Mund ziehen kann.

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