Nazan Yakar hilft: Mit gespendeten Hörgeräten in die Ukraine

Aktion „Hören ohne Grenzen“

Für uns eine Selbstverständlichkeit: Das kostenlose Kassenhörgerät. Es ist so einfach, einmal zum Ohrenarzt und dann mit der Verschreibung zum Hörakustiker. Nach einer Stunde können wir mit tollen Hörgeräten zum Nulltarif nach Hause gehen. Und wenn wir möchten, können wir uns die tollsten Premium-Hörgeräte kaufen.

In anderen Ländern sieht das anders aus. In vielen Ländern der Welt gibt es keine Hörakustiker. Nur wenige Spezialkliniken im Land bieten einen audiologischen Dienst an. Weite Reisen und unbezahlbare Kosten sind oft mit der Hörgeräteversorgung verbunden. Die Kosten sind überhaupt das größte Problem. Der überwiegende Teil der Weltbevölkerung kann sich ein Hörgerät gar nicht leisten.

Weder die WHO, noch die großen Hörgerätehersteller oder wohltätige Organisationen können hier weltweit Abhilfe schaffen. Alle tun schon sehr viel, aber das sind oft nur Tropfen auf den heißen Stein, wie man so sagt. Umso wichtiger ist es, dass Privat- und Geschäftsleute selbst etwas tun. Wir berichteten neulich über die großartige Hilfe, die Denilza Wessels aus Bremen mit Hörgeräten für Brasilien leistet. Diese Aktion unterstützen auch wir mit gespendeten Hörgeräten.

Mehr über Hörgeräte spenden für Brasilien

Nazan Yakar hilft

Unsere Partnerhörakustikern und Pädakustikerin Nazan Yakar ist derzeit in humanitärer Mission in der Ukraine unterwegs. In Zusammenarbeit mit anderen Hörakustikern und Helfern, sowie den Maltesern vor Ort hilft die junge Hörakustikmeisterin Nazan Yakar zum wiederholten Male Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Hören ohne Grenzen

-wenn die Augen strahlen, weil die Ohren hören. Reisebericht von Nicole Kühling

Ein bisschen aufgeregt bin ich immer noch, wenn es wieder losgeht. Auch wenn ich schon viele Male in Luts`k in der Ukraine war. Wie oft ich bis jetzt in diesem tollen Land mit so unfassbar gastfreundlichen Menschen war, kann ich gar nicht zählen. Schon beim ersten Mal im Februar 1999 fesselten mich die Menschen und die Möglichkeit, dort helfen zu können so, dass es mich bis heute nicht losgelassen hat.
Ein bisschen stolz bin ich natürlich auch. Wir konnten schon vielen Kindern und Erwachsenen mit unseren Hörgeräten und unserer Arbeit helfen und ich freue mich sehr darüber, dass wir diese Menschen schon so viele Jahre begleiten dürfen. Diese Freude in den Gesichtern zu sehen ist für mich immer noch unbeschreiblich. Über die Jahre sind echte Freundschaften entstanden und jedes Mal, wenn ich wieder nach Luts`k fahre, ist es auch ein bisschen wie „nach Hause kommen“.

Unser Projekt „Hören ohne Grenzen“ ist aus dem Verein Humanitäre Hilfe für Menschen im Osten e.V. aus Mühlen bei Steinfeld entstanden und von dort aus starten wir auch jedes Jahr.
Voll bepackt mit allem was wir für unsere Arbeit vor Ort brauchen, ging es am Samstag, den 22.09.18 in Mühlen los. Erstmal Richtung Hannover, um dort unsere beiden Akustikerinnen aus dem Süden einzusammeln.

Das Team ist vollständig!
v.l.n.r. Gunnar Janssen (Techniker aus Oldenburg); Nicole Kühling (Hörakustikerin aus Vechta); Daniela Schafmeier (Hörakustikerin aus Rahden); Kerstin Janssen (Erzieherin aus Oldenburg); Nazan Yakar (Hörakustikerin aus Mannheim); Paula Hunstein (Hörakustikerin aus Weinstadt bei Stuttgart)

1350 Kilometer liegen vor uns. Die Fahrt verläuft völlig problemlos und nach 21 Stunden Fahrzeit haben wir unser Ziel bei strahlendem Sonnenschein erreicht.

MONTAG

Heute früh geht es los und im Kindergarten 28 in Luts`k wird die Arbeit aufgenommen. Diese Einrichtung war die erste, in der 1999 Hörgeräteversorgungen von uns durchgeführt wurden. Hier sind nun auch „unsere“ 5 Deutschstudentinnen zu uns gestoßen – die Universität in Luts`k stellt uns für jeden humanitären Einsatz Studenten zur Verfügung, die für uns simultan übersetzen und eine großartige Arbeit leisten.

Viele bekannte aber auch einige neue Gesichter warten schon sehnsüchtig und begrüßen uns fröhlich.
Die Kinder, die ab Herbst 2018 im Kindergarten aufgenommen werden, wurden gebeten an diesem Tag mit ihren Eltern zu kommen. Das heißt für viele Eltern mit Ihren Kindern eine Busfahrt von bis zu 4 Stunden pro Weg in Kauf zu nehmen, um an diesem Tag im Kindergarten zu sein. Kinder deren Wohnort außerhalb von Luts`k liegt, leben unter der Woche im Kindergarten und kommen nur am Wochenende nach Hause. Trotzdem hatten es alle Eltern der kleineren Kinder möglich gemacht vor Ort zu sein Die Anwesenheit der Eltern war für alle sehr wichtig! Die Kinder hatten ihre Bezugsperson dabei und wir konnten ihnen so eine Einweisung geben, wie Eltern und Kinder auch zu Hause richtig mit ihren Hörgeräten umgehen können. So kann vermieden werden, dass die Kinder ihre Geräte nur im Kindergarten tragen.

Ein glückliches Mädchen, das endlich wieder hören kann. Links im Bild: Pädakustikerin Nazan Yakar

Ich kann nur schlecht beschreiben wie viel Freude die Arbeit mit den Kindern macht und wie es sich anfühlt, wenn man ein Kind anschaut, was das erste Mal in seinem Leben hören kann. Die Kinder zeigen großes Vertrauen und die Pädagoginnen vor Ort leisten eine großartige Arbeit.

DIENSTAG

Am 2. Arbeitstag in der Ukraine geht es zur Hörgeschädigtenschule nach Wolodymyr Wolynskyj. Die Schule für hochgradig schwerhörige Kinder, an der 106 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 19 Jahren beschult werden, liegt 80 Kilometer (ca. 1,5 Stunden Fahrtzeit) von Luts`k entfernt. Die Schule ist für uns ein bekannter Ort – durch die zahlreichen Besuche der letzten Jahre. Viele bekannte Gesichter, auch von ehemaligen Kindern aus dem Kindergarten, die nicht auf der „normalen / hörenden“ Schule beschult werden können.

Gunnar Janssen fräst vor Ort alle Ohrstücke für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Er ist, genau wie seine Frau Kerstin, bereits seit den Anfängen im Projekt Hören ohne Grenzen aktiv.

Kerstin Janssen organisiert bereits von Deutschland aus und vor Ort alle Abläufe. Sie sorgt dafür, dass jedes Kind und jeder Erwachsene mit seiner persönlichen Kartei mit allen Informationen der letzten Jahre zu den Akustiker-Tischen kommt. So können wir nachhaltig die Hörversorgungen über einen langen Zeitraum prüfen und sichergehen, dass alles seine Richtigkeit hat.

Nach einem langen erfolgreichen Tag waren wir am späten Abend zurück in Luts`k. Aus der Erfahrung der vergangenen Jahre, in denen wir häufig erst mitten in der Nacht aus Wolodymyr Wolynskyj zurückkehrten, planten wir den dritten Tag in Luts`k als „arbeitsfreien“ Tag.

MITTWOCH

Heute war Zeit um sich die Universität anzuschauen und sich dort für die Unterstützung zu bedanken. Wir konnten sehr gute Gespräche führen und es wurde uns weitere umfassende Unterstützung zugesichert.

Der Besuch der orthodoxen Kirche im Zentrum von Luts`k hat uns sehr fasziniert.

Luts`k liegt im Westen der Ukraine, aber der Krieg ist dennoch für alle spürbar. Viele Männer sind vom Militär eingezogen worden, andere befürchten, dass sie noch eingezogen werden. In der Ukraine werden Männer bis 60 Jahre eingezogen. Wir machen uns auch ganz konkret um einige unserer Freunde Sorgen. Neben dieser Bedrohung leidet das Land aber auch wirtschaftlich. Die Hrywnja (ukrainische Währung) ist total eingebrochen und fast nichts mehr wert. Daher sind die Lebenshaltungskosten dramatisch gestiegen und für viele sind grundlegende Dinge wie Lebensmittel oder Kleidung unerschwinglich geworden.
Umso wichtiger ist die humanitäre Hilfe vor Ort geworden.

DONNERSTAG

1998 wurde mit Hilfe des HMO e.V. das erste Hörgerät in den Kindergarten 28 nach Luts`k gebracht. Die damals versorgten Kinder sind mittlerweile Erwachsene und kommen weiterhin regelmäßig zur Kontrolle / Erneuerung der Geräte und das teils auch schon mit ihren Kindern. Dafür ist es immer wieder unerlässlich, dass uns in Luts`k kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt werden, in denen wir unsere Arbeiten durchführen können. An dieser Stelle geht ein herzlicher Dank an die Malteser Luts`k, insbesondere an Vera Blecker, die es auch in diesem Jahr geschafft hat, in der Berufsschule zwei hervorragende Räume für uns zu organisieren.

Es herrscht bereits früh ein großer Ansturm.
Auf dem Foto sieht man Schüler und Schülerinnen der Schule 15, die gemeinsam mit ihren Eltern zur Hörgeräteüberprüfung, Neuversorgung oder für die Batterieversorgung von CIs zu uns kommen. Die Pädagogin Nina Goncharova hat hierbei schon im Vorfeld eine Liste der Kinder und Jugendlichen vorbereitet und uns damit den Arbeitsablauf sehr erleichtert.
Vor unserer Ankunft wurde schon eigenständig eine Warteliste geführt und jeder konnte sich eintragen. Da wir in erster Linie für Kinderversorgungen vor Ort sind, gibt es die Regel, dass Kinder grundsätzlich Vorrang haben und dafür haben auch alle Wartenden Verständnis.

Der junge Mann freut sich sehr über seine Hörgeräte und die Aufkleber, die seine Hörgeräte verschönern.
Diese Dame ist überglücklich mit ihren neuen Hörgeräten und hatte Freudentränen in den Augen. Das hat uns alle sehr berührt.
Ein eingespieltes Team. Die beiden jungen Männer betreuen wir bereits seit fast 20 Jahren. Vitaly im Vordergrund unterstützt uns seit vielen Jahren auch als Gebärdendolmetscher.

Oxana ist, wie man sehen kann, körperlich eingeschränkt. Sie meistert ihren Alltag bewundernswert mit Hilfe ihrer Mutter, die sie im Kinderwagen fährt. Oxana ist eine hochintelligente junge Frau mit abgeschlossenem Jura Studium. Seit vielen Jahren dürfen wir ihr zum besseren Hören verhelfen.

Wir bedanken uns herzlich bei unseren tollen Dolmetscherinnen. Als Dank und Anerkennung haben alle ein Zertifikat erhalten, wodurch ihre Arbeit als studienrelevantes Sprachpraktikum anerkannt wird. Einige dieser jungen Damen haben bereits Auslandssemester in Deutschland belegt, unter anderem auch an der Universität in Vechta.

Und schon naht der Abschied.


Am Freitag sind wir Richtung Heimat aufgebrochen.
Auch die Rückfahrt verlief ohne Zwischenfälle und bereits am Samstagmorgen haben wir unsere Akustikerinnen aus dem Süden in Hannover abgesetzt und waren mittags zurück in Mühlen.
Zum Abschluss dieser aufregenden Arbeitstage können wir folgendes sagen: Wir durften 114 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen helfen.
Die älteste Dame war Jahrgang 1934 und der jüngste „Herr“ Jahrgang 2016.
228 Ohren in drei Tagen. Wir sind dankbar, stolz und glücklich… und wir kommen auf jeden Fall wieder.

Wir möchten uns dieser Stelle bei allen Helfern bedanken.

Ganz besonders bei Vera Blecker von den Maltesern in Luts`k, ohne die unsere Arbeit gar nicht möglich wäre. Sie organisiert vor Ort das ganze Jahr über und hat immer ein offenes Ohr für hilfsbedürftige Menschen und für das Hören ohne Grenzen Team. Mit unfassbar viel Kraft und Herz arbeitet sie auch nach dem Tod ihres Mannes Günther unermüdlich und immer zum Wohle anderer weiter. Ein großer Dank geht an Professorin S. Zastrowska und die Lesya Ukrainka Universität in Luts`k, sie unterstützen das Team seit fast 20 Jahren mit der Auswahl besonders begabter Deutschstudenten, die alle Simultanübersetzungen vor Ort kostenlos durchführen. Eine große Leistung, teilweise über 12 Stunden fast ununterbrochen simultan zu dolmetschen – und das noch im Studium. Hut ab und Danke!!!

Ein weiterer besonderer Dank geht an den HMO e.V. sowie an die Firmen Phonak, Oticon, Audio Service, Labor Lebioda, GN Resound, Signia, Interton, Unitron und Detax für die dringend benötigten Materialspenden.
Vielen Dank an Christian Miersch, Rainer Surmann und Stefan Witte für die tolle Unterstützung. Herzlichen Dank auch an Johannes Timmer, der uns jedes Jahr eines seiner Fahrzeuge für unsere Tour anvertraut. Großartige Hilfe haben wir auch von vielen Hörakustik-Kollegen erhalten, die unermüdlich Hörgeräte sammeln, reinigen und aufarbeiten.

Nicht zuletzt danken wir unseren Familien, Freunde und Kollegen, denn ohne ihre Unterstützung wäre das alles nicht möglich.

Euer Hören ohne Grenzen Team: Nicole Kühling
Kerstin und Gunnar Janssen
Paula Hunstein
Daniela Schafmeier
Nazan Yakar



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