Arm durch Hörgeräte?

Ich halte ja sehr viele Vorträge zum Thema Hörgeräte. Da wird dann alles Mögliche gefragt und ich gebe gerne und geduldig Auskunft. Ein Thema wird jedoch nicht so oft angesprochen: Die Kosten. Kaum jemand möchte offen vor anderen Leuten knauserig oder geizig erscheinen und über die Preise reden.

Am Telefon oder am Rande solcher Veranstaltungen sieht das aber anders aus. Da höre ich immer wieder recht leidvoll vorgetragen: „Die Hörgeräte machen mich arm“.

Das muss aber überhaupt nicht sein.
Der allergrößte Irrtum ist, dass Schwerhörige glauben, durch teurere Hörgeräte ein besseres Hören erkaufen zu können.

Zum Hintergrund:

Gesetzlich Krankenversicherte erhalten in Deutschland aufgrund einer Verordnung des HNO-Arztes bei Hörakustikern kostenlose Hörgeräte als Sachleistung der Krankenkasse.
Hierfür ist nur eine „Rezeptgebühr“ von 10 Euro pro Gerät fällig. Das bedeutet, dass Sie absolut kostenlos Hörgeräte bekommen können, ohne auch nur einen Cent zuzahlen zu müssen.
Diese sogenannten Kassenhörgeräte sind technisch ausgereift und decken den Bedarf der allermeisten Schwerhörigen ab.

Nur in wenigen Fällen ist der Hörverlust so, dass diese Hörgeräte nicht geeignet sind. Bitte halten Sie sich vor Augen, dass die Krankenkassen für diese Geräte bis zu rd. 1.500 Euro insgesamt zuzahlen. Die Krankenkasse kann also überhaupt nicht daran interessiert sein, Ihnen eine schlechte oder nicht ausreichende Versorgung anzubieten. Die Kasse möchte, dass Sie wieder besser hören und verstehen. Der Versicherer möchte auch, dass Sie die Geräte gerne tragen.
Es ist also absoluter Unfug, zu glauben, die Kassenhörgeräte seien schlecht.
Denn wären diese nicht gut, würden die Schwerhörigen diese Geräte nicht tragen und es käme zu einem weiter voranschreitenden Hörverlust und zu Folgeerkrankungen wie Demenz.

Wenn also die Krankenkasse gute Hörgeräte kostenlos an Sie abgibt, dann muss im Umkehrschluss auch niemand arm werden, weil er Hörgeräte benötigt.

Niemand!

Sie wissen aber auch, dass Schwerhörige oft utopisch viel Geld für Hörgeräte ausgeben.
Das kann durchaus im Extremfall die 8.000,-Euro-Grenze überschreiten.

Hier kommen verschiedene Aspekte ins Spiel:

Die Hörakustiker sind auch Kaufleute. Es ist selbstverständlich, dass der Hörakustiker Ihnen neben der kostenlosen Versorgung auch luxuriösere und bessere Alternativen vorstellt. Er darf auch durchaus intensiv daran interessiert sein, Ihnen besser ausgestattete Hörgeräte schmackhaft zu machen.

Es bleibt aber dabei: Sehr gute Hörgeräte erhalten Sie kostenlos von der Krankenkasse.

Ein weiterer Aspekt: Die Schwerhörigen leiden unter ihrer Beeinträchtigung und möchten das Optimum für sich. Es geht um die Gesundheit, die Vorbeugung vor Demenz, die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Das sind hohe Werte und deswegen steigt die Bereitschaft, zur Erhaltung der Lebenstüchtigkeit auch hohe Beträge für Hörgeräte auszugeben.
Das ist gut und richtig so. Sie dürfen sich etwas gönnen. Sie dürfen auch darauf hoffen, dass zuzahlungspflichtige Hörgeräte mehr können als die Kassengeräte.

Aber: Sie können allein mit den Kassengeräten auf jeden Fall gut hören und verstehen, ohne Zuzahlung.

Sie können sowohl mit einem Kleinwagen, als auch mit einer Luxuslimousine von München nach Hamburg fahren.
Das Ergebnis ist das Gleiche, Sie sind anschließend in Hamburg.

Mit der Luxuslimousine gestaltet sich das aber wesentlich komfortabler. Und dieser Kofort kostet eben auch deutlich mehr.
Ähnlich ist es bei Hörgeräten. Die teureren Geräte können mehr und sie können auch alles etwas besser. Deshalb ist es so, dass wir nicht von Leistungsstufen, sondern von Komfortstufen sprechen.

Wenn Ihnen ein Autoverkäufer sagen würde: „Der Kleinwagen ist nicht für Sie geeignet, damit kommen Sie nie in Hamburg an. Sie müssen eine Luxuslimousine nehmen.“ Würden Sie das glauben?
Wahrscheinlich nicht.

Also nochmals: Ich ermuntere Sie, sich das beste Hörgerät zu kaufen, dass Sie sich leisten können. Sie werden sehr gut damit hören, viel besser verstehen und deutlich mehr Lebensqualität haben. Aber es ist überhaupt nicht zwingend notwendig, mehr als ein Kassenhörgerät zu nehmen. Vor allem müssen Sie sich nicht einreden lassen, das sei eine Schande oder Sie würden am falschen Ende sparen.
Und eins müssen Sie auch wissen: Ein Hörgerät bleibt immer ein medizinisches Hilfsmittel. Dieses soll Ihren Hörverlust ausgleichen. Es kann Ihnen aber das Hören des gesunden 20-jährigen Ohres niemals wiedergeben.
Wenn jemand sich einen Rollator kauft, erfährt er eine ganz entscheidende Verbesserung seiner Fortbewegungsmöglichkeiten. Tausende alter Menschen sind in ihren Wohnungen versauert, weil sie nicht mehr nach draußen konnten. Der Rollator hat das geändert.
Aber niemand käme doch auf die Idee, zu hoffen, mit dem Rollator nun am olympischen 100-Meter-Lauf teilzunehmen und so schnell wie mit 20 Jahren zu laufen!



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