Viele Menschen gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass bei einer Hörminderung auch automatisch zwei Hörgeräte notwendig sind. Andere wiederum möchten möglichst nur ein Hörgerät tragen – sei es aus Gewohnheit, wegen der Kosten oder weil sie glauben, das zweite Ohr höre noch gut genug.
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- Ein Hörgerät oder zwei? Warum diese Entscheidung so wichtig ist
- Hören ist weit mehr als das Wahrnehmen von Geräuschen
- Warum wir zwei Ohren besitzen
- Gute Hörgeräte ersetzen keine gesunden Ohren
- Wann genügt ein einzelnes Hörgerät?
- Warum zwei Hörgeräte in den meisten Fällen die bessere Wahl sind
- Das Gehirn möchte beide Ohren nutzen
- Räumliches Hören bedeutet Sicherheit
- Der sogenannte Schallschatten
- Gespräche in geräuschvoller Umgebung
- Weniger Höranstrengung bedeutet mehr Lebensqualität
- Wenn das Gehirn das Hören verlernt
- Moderne Hörgeräte arbeiten als Team
- Musik, Fernsehen und Telefonieren
- Warum zwei einfache Hörgeräte oft sinnvoller sind als ein einziges Luxusmodell
- Wenn ein Ohr gar nicht mehr hört – welche Möglichkeiten gibt es?
- Was bedeutet einseitige Taubheit?
- Das CROS-Hörgerät – wenn nur ein Ohr taub ist
- Was ist ein BiCROS-Hörgerät?
- Ist vielleicht sogar ein Cochlea-Implantat möglich?
- Wie findet man die richtige Lösung?
- Probetragen ist unverzichtbar
- Welche Rolle spielen die Kosten?
- Fazit
- Bildquellen:
Tatsächlich ist die Entscheidung aber wesentlich komplexer. Sie hängt nicht nur vom Ergebnis des Hörtests ab, sondern auch davon, wie unser Gehirn Schall verarbeitet und welche Anforderungen der Alltag an unser Gehör stellt. In diesem Ratgeber erfahren Sie, wann ein einzelnes Hörgerät ausreicht, weshalb zwei Hörgeräte in den meisten Fällen erhebliche Vorteile bieten und welche modernen Lösungen es für Menschen mit einer einseitigen Taubheit gibt. So können Sie gemeinsam mit Ihrem Hörakustiker oder HNO-Arzt die für Sie optimale Entscheidung treffen.
Ein Hörgerät oder zwei? Warum diese Entscheidung so wichtig ist
Viele Menschen bemerken zunächst nur eine Kleinigkeit. Der Fernseher wird etwas lauter gestellt als früher. Gespräche in einem Restaurant werden anstrengender. Angehörige beklagen sich darüber, dass man ständig nachfragt oder Antworten gibt, die gar nicht zur Frage passen.
Kommt schließlich der Besuch beim HNO-Arzt oder Hörakustiker, steht häufig eine Frage im Raum, über die sich die wenigsten zuvor Gedanken gemacht haben: Brauche ich eigentlich nur ein Hörgerät oder gleich zwei?
Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein. Wenn beide Ohren schlechter hören, müssten doch zwei Hörgeräte die richtige Wahl sein. Hört dagegen nur ein Ohr schlechter, müsste ein einzelnes Gerät ausreichen.
So einfach ist es jedoch nicht.
Die Entscheidung hängt von einer ganzen Reihe von Faktoren ab. Neben den Ergebnissen des Hörtests spielen auch Alter, Lebensgewohnheiten, Beruf, Freizeit, persönliche Hörziele und nicht zuletzt die Funktionsweise unseres Gehirns eine entscheidende Rolle. Wer diese Zusammenhänge kennt, kann wesentlich besser beurteilen, welche Versorgung langfristig den größten Nutzen bringt.
Hören ist weit mehr als das Wahrnehmen von Geräuschen
Viele Menschen stellen sich das Gehör wie zwei voneinander unabhängige Mikrofone vor. Das linke Ohr nimmt Schall auf, das rechte Ohr ebenfalls. Das Gehirn setzt anschließend beide Informationen zusammen.
Ganz falsch ist diese Vorstellung nicht, sie greift jedoch viel zu kurz.
Tatsächlich beginnt die eigentliche Hörleistung erst im Gehirn. Die Ohren liefern lediglich elektrische Signale. Erst verschiedene Bereiche des Gehirns vergleichen, filtern und interpretieren diese Informationen. Aus unzähligen Schallreizen entsteht so ein verständliches Gesamtbild unserer akustischen Umgebung.
Das geschieht völlig automatisch und innerhalb von Sekundenbruchteilen.
Das Gehirn erkennt beispielsweise,
- aus welcher Richtung ein Geräusch kommt,
- wie weit eine Schallquelle entfernt ist,
- ob sich ein Fahrzeug nähert oder entfernt,
- welche Stimme in einer Gesprächsrunde gerade spricht,
- und welche Geräusche unwichtig sind und ausgeblendet werden können.
Erst dieses Zusammenspiel macht entspanntes Hören überhaupt möglich.
Warum wir zwei Ohren besitzen
Die Natur hat uns nicht zufällig zwei Ohren gegeben.
Treffen Schallwellen auf unseren Kopf, erreichen sie niemals beide Ohren exakt gleichzeitig. Bereits winzige Zeitunterschiede von wenigen Millionstel Sekunden reichen dem Gehirn aus, um die Richtung eines Geräusches erstaunlich präzise zu bestimmen.
Hinzu kommen minimale Lautstärkeunterschiede zwischen beiden Ohren. Kommt beispielsweise ein Auto von rechts, trifft dessen Motorengeräusch das rechte Ohr etwas früher und etwas lauter als das linke. Das Gehirn berechnet daraus nahezu augenblicklich die Position der Schallquelle.
Dieser Vorgang läuft völlig unbewusst ab.
Er ermöglicht es uns,
- einen Anrufer in einer Menschenmenge sofort zu orten,
- einem Fahrrad auszuweichen, das sich von hinten nähert,
- Kinder auf einem Spielplatz akustisch im Blick zu behalten,
- oder nachts festzustellen, aus welchem Zimmer ein ungewöhnliches Geräusch kommt.
Mit nur einem funktionierenden Ohr gehen viele dieser Fähigkeiten zumindest teilweise verloren.
Gute Hörgeräte ersetzen keine gesunden Ohren
Moderne Hörgeräte gehören heute zu den leistungsfähigsten medizinischen Hilfsmitteln überhaupt.
Sie analysieren Schall in Echtzeit, unterscheiden Sprache von Lärm, erkennen Musik, reduzieren Windgeräusche und können sich automatisch an unterschiedlichste Hörsituationen anpassen. Viele Modelle kommunizieren sogar miteinander und tauschen permanent Daten aus.
Trotzdem können sie das natürliche Gehör nicht vollständig ersetzen.
Ein Hörgerät verstärkt nicht einfach nur Geräusche. Es versucht vielmehr, den individuellen Hörverlust möglichst genau auszugleichen. Dabei orientiert sich die Programmierung an den Ergebnissen des Audiogramms und den persönlichen Bedürfnissen des Trägers.
Je genauer beide Ohren versorgt werden, desto besser kann das Gehirn anschließend wieder mit den angebotenen Informationen arbeiten.
Wann genügt ein einzelnes Hörgerät?
Es gibt durchaus Situationen, in denen ein Hörgerät auf nur einer Seite vollkommen ausreichend sein kann.
Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn ein Ohr nahezu normal hört und lediglich das andere einen behandlungsbedürftigen Hörverlust aufweist. Ursachen hierfür können unter anderem sein:
- ein überstandener Hörsturz,
- eine frühere Mittelohrerkrankung,
- ein Unfall,
- langjährige einseitige Lärmbelastung,
- oder bestimmte angeborene Hörstörungen.
In solchen Fällen kann die Versorgung eines einzelnen Ohres zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität führen. Wichtig ist allerdings, dass diese Entscheidung niemals allein nach dem persönlichen Eindruck getroffen wird. Viele Menschen glauben nämlich, ein Ohr höre noch völlig normal. Erst die Messung zeigt dann, dass auch dieses Ohr bereits einen – wenn auch geringeren – Hörverlust entwickelt hat.
Gerade altersbedingte Schwerhörigkeit betrifft fast immer beide Ohren. Häufig beginnt sie lediglich auf einer Seite etwas stärker und fällt deshalb zunächst kaum auf. Deshalb beginnt jede gute Versorgung mit einem Hörtest beider Ohren
Selbst wenn Sie überzeugt sind, dass nur ein Ohr schlechter hört, sollte grundsätzlich immer das Hörvermögen beider Ohren untersucht werden.
Zum Standard gehören dabei unter anderem:
- die Tonaudiometrie, bei der einzelne Frequenzen gemessen werden,
- Sprachtests mit einsilbigen Wörtern oder ganzen Sätzen,
- gegebenenfalls Untersuchungen des Sprachverstehens im Störgeräusch,
- sowie weitere Messverfahren, mit denen sich Art und Ausmaß der Hörminderung genauer bestimmen lassen.
Erst aus dem Zusammenspiel aller Untersuchungsergebnisse lässt sich beurteilen, welche Hörgeräteversorgung langfristig die besten Erfolgsaussichten bietet.
Nicht selten überrascht das Ergebnis sogar die Betroffenen selbst. Das vermeintlich „gute“ Ohr weist plötzlich ebenfalls Einschränkungen auf – wenn auch in geringerem Ausmaß. In solchen Fällen verändert sich häufig auch die Empfehlung des Hörakustikers oder HNO-Arztes.
Wer sich vorschnell für nur ein Hörgerät entscheidet, verzichtet unter Umständen auf Hörqualität, die mit einer beidseitigen Versorgung problemlos erreichbar gewesen wäre.
Warum zwei Hörgeräte in den meisten Fällen die bessere Wahl sind
Sobald beide Ohren von einer Hörminderung betroffen sind, empfehlen Hörakustiker und HNO-Ärzte heute in aller Regel eine beidseitige Versorgung. Diese Empfehlung dient keineswegs dazu, zwei Hörgeräte statt einem zu verkaufen. Sie beruht vielmehr auf den Erkenntnissen der modernen Hörforschung und den Erfahrungen von Millionen Hörgeräteträgern.
Viele Menschen berichten nach einigen Wochen mit zwei Hörgeräten, dass sie plötzlich wieder Dinge wahrnehmen, die ihnen über Jahre entgangen waren. Vogelgezwitscher am Morgen, das Rascheln der Blätter im Wind oder das leise Ticken einer Uhr sind dabei nur angenehme Nebeneffekte.
Der eigentliche Gewinn zeigt sich im Alltag – dort, wo wir Sprache verstehen, uns orientieren und sicher bewegen müssen.
Das Gehirn möchte beide Ohren nutzen
Unser Hörzentrum arbeitet ständig daran, die Informationen beider Ohren miteinander zu vergleichen.
Es analysiert unter anderem:
- Lautstärkeunterschiede,
- minimale Zeitunterschiede,
- Klangfarben,
- Echos,
- und störende Nebengeräusche.
Erst aus diesem Vergleich entsteht das räumliche Hören. Das Gehirn kann Schallquellen lokalisieren und gleichzeitig störende Geräusche ausblenden. Erhält das Gehirn jedoch nur von einer Seite vollständige Informationen, muss es ständig fehlende Daten ergänzen und interpretieren. Das kostet Kraft und Konzentration. Viele Betroffene bemerken dies zunächst gar nicht. Sie glauben lediglich, dass sie abends schneller erschöpft sind oder sich Gespräche “irgendwie anstrengend” anfühlen.
Tatsächlich arbeitet das Gehirn in solchen Situationen auf Hochtouren.
Räumliches Hören bedeutet Sicherheit
Wer normal hört, kann meist sofort sagen, woher ein Geräusch kommt.
Ein hupendes Auto.
Eine Fahrradklingel.
Ein Kind, das den Namen ruft.
Ein Telefon, das irgendwo im Haus klingelt.
Mit einer beidseitigen Hörgeräteversorgung verbessert sich dieses Richtungshören häufig deutlich.
Das ist nicht nur angenehm, sondern kann in vielen Alltagssituationen auch die Sicherheit erhöhen. Besonders im Straßenverkehr spielt diese Fähigkeit eine wichtige Rolle. Radfahrer, E-Scooter oder Einsatzfahrzeuge nähern sich oft schneller, als man sie sieht. Wer ihre Richtung frühzeitig erkennt, kann wesentlich besser reagieren. Auch innerhalb der eigenen Wohnung erleichtert räumliches Hören den Alltag. Man weiß sofort, aus welchem Zimmer jemand spricht oder woher ungewöhnliche Geräusche stammen.
Der sogenannte Schallschatten
Ein Begriff, den viele Hörgeräteträger zunächst noch nie gehört haben, ist der Schallschatten.
Unser Kopf ist für Schallwellen kein durchsichtiges Hindernis. Er wirkt vielmehr wie eine Barriere.
Kommt Sprache beispielsweise ausschließlich von rechts, erreicht sie das rechte Ohr nahezu ungehindert. Bis dieselben Schallwellen das linke Ohr erreichen, werden sie jedoch teilweise abgeschwächt und in ihrer Klangqualität verändert.
Je höher die Frequenzen sind, desto stärker fällt dieser Effekt aus. Bei einem nicht versorgten Ohr kann dies dazu führen, dass wichtige Sprachanteile verloren gehen.
Das macht sich besonders bemerkbar,
- wenn der Gesprächspartner auf der schlechteren Seite sitzt,
- im Auto,
- bei Familienfeiern,
- oder bei Besprechungen mit mehreren Personen.
Mit zwei Hörgeräten wird dieser Schallschatten weitgehend ausgeglichen. Beide Ohren erhalten wieder vergleichbare Informationen, wodurch das Sprachverstehen häufig deutlich leichter fällt.
Gespräche in geräuschvoller Umgebung
Fast jeder Hörgeräteträger kennt diese Situation:
Zu Hause versteht man den Ehepartner recht gut.
Sobald jedoch mehrere Menschen gleichzeitig sprechen, scheint plötzlich alles durcheinanderzugehen.
Restaurant.
Geburtstagsfeier.
Kaffeerunde.
Vereinsversammlung.
Hier stößt das Gehör besonders schnell an seine Grenzen.
Unser Gehirn besitzt zwar erstaunliche Fähigkeiten, einzelne Stimmen aus einem Stimmengewirr herauszufiltern. Fachleute sprechen dabei vom sogenannten Cocktailparty-Effekt. Damit dieser Mechanismus funktioniert, benötigt das Gehirn allerdings möglichst vollständige Informationen von beiden Ohren. Eine beidseitige Hörgeräteversorgung verbessert deshalb häufig nicht nur die Lautstärke, sondern vor allem die Sprachverständlichkeit.
Viele Betroffene berichten, dass sie Gesprächen wesentlich entspannter folgen können und seltener nachfragen müssen.
Weniger Höranstrengung bedeutet mehr Lebensqualität
Ein oft unterschätzter Aspekt ist die sogenannte Höranstrengung. Menschen mit einer Hörminderung hören häufig nicht einfach nur leiser. Vielmehr fehlen einzelne Sprachanteile.
Das Gehirn versucht anschließend ständig, fehlende Wörter aus dem Zusammenhang zu ergänzen.
Ein Beispiel:
Jemand sagt:
„Morgen fahren wir gemeinsam zum See.”
Beim Betroffenen kommen möglicherweise nur Bruchstücke an:
“…gen …hren … gemeinsam … See.”
Das Gehirn ergänzt blitzschnell die fehlenden Informationen. Dieser Vorgang funktioniert erstaunlich gut – kostet aber enorme geistige Energie. Deshalb fühlen sich viele Schwerhörige nach langen Gesprächen oder Familienfeiern regelrecht erschöpft.
Mit zwei gut angepassten Hörgeräten erhält das Gehirn wesentlich mehr vollständige Informationen.
Es muss weniger “raten” und kann Sprache leichter entschlüsseln. Viele Hörgeräteträger berichten deshalb, dass sie sich nach einem langen Tag deutlich weniger ausgelaugt fühlen.
Wenn das Gehirn das Hören verlernt
Ein weiterer wichtiger Begriff lautet auditorische Deprivation. Darunter versteht man einen schleichenden Gewöhnungseffekt.
Erhält das Gehirn über Jahre hinweg von einem Ohr kaum noch verwertbare Signale, verarbeitet es diese Seite zunehmend schlechter. Das bedeutet nicht, dass das Ohr selbst weiter geschädigt wird.
Vielmehr verlieren die zuständigen Bereiche des Gehirns allmählich ihre Übung. Man könnte es mit einem Muskel vergleichen, der über längere Zeit nicht benutzt wird.
Er baut langsam ab.
Deshalb empfehlen Fachleute heute, eine beidseitige Hörminderung möglichst auch beidseitig zu versorgen.
Je länger ein Ohr unversorgt bleibt, desto schwieriger kann es später werden, das Gehirn wieder an die zusätzlichen Höreindrücke zu gewöhnen.
Moderne Hörgeräte arbeiten als Team
Ein weiterer Vorteil moderner Technik ist die Zusammenarbeit beider Hörgeräte.
Viele aktuelle Systeme stehen permanent per Funk miteinander in Verbindung. Sie gleichen ihre Einstellungen automatisch ab und erkennen gemeinsam, aus welcher Richtung Sprache kommt oder wo störender Lärm entsteht.
Dadurch reagieren beide Geräte synchron und erzeugen einen deutlich natürlicheren Höreindruck. Der Nutzer bemerkt davon nichts – außer, dass Gespräche häufig angenehmer und entspannter wirken.
Musik, Fernsehen und Telefonieren
Auch bei digitalen Medien profitieren viele Menschen von zwei Hörgeräten.
Besonders bei Bluetooth-Verbindungen können beide Geräte gleichzeitig angesteuert werden. Dadurch entsteht ein echtes Stereo-Hörerlebnis. Musik wirkt räumlicher. Fernsehton klingt natürlicher.
Auch Telefongespräche profitieren häufig von der Übertragung auf beide Hörgeräte. Viele Nutzer empfinden dies als deutlich angenehmer, weil das Gehirn den Klang wieder mit beiden Ohren verarbeitet.
Dabei geht es nicht allein um mehr Lautstärke, sondern vor allem um ein entspannteres und natürlicheres Hören.
Warum zwei einfache Hörgeräte oft sinnvoller sind als ein einziges Luxusmodell
Manche Menschen überlegen, lieber ein besonders hochwertiges Hörgerät für das schlechtere Ohr anzuschaffen und das andere Ohr unversorgt zu lassen.
Diese Überlegung erscheint zunächst nachvollziehbar.
In der Praxis zeigt sich jedoch häufig etwas anderes.
Der größte Gewinn entsteht meist dadurch, dass beide Ohren wieder gemeinsam arbeiten können.
Selbst solide zuzahlungsfreie Hörgeräte ermöglichen häufig einen deutlich größeren Fortschritt als ein einzelnes Spitzenmodell.
Erst wenn beide Ohren Informationen liefern, kann das Gehirn seine natürlichen Fähigkeiten wieder möglichst vollständig einsetzen.
Aus diesem Grund empfehlen viele Hörakustiker zunächst eine gute beidseitige Grundversorgung, bevor zusätzliche Komfortfunktionen in den Vordergrund rücken.
Wenn ein Ohr gar nicht mehr hört – welche Möglichkeiten gibt es?
Nicht jeder Hörverlust lässt sich mit einem herkömmlichen Hörgerät ausgleichen. Manche Menschen sind auf einem Ohr vollständig oder nahezu vollständig taub. Andere haben nach einem Hörsturz, einem Unfall oder einer Operation ihr Hörvermögen auf einer Seite verloren.
In diesen Fällen bringt ein klassisches Hörgerät häufig keinen Nutzen mehr. Selbst wenn es Geräusche verstärkt, kann das geschädigte Innenohr die Signale nicht mehr ausreichend verarbeiten.
Glücklicherweise bedeutet das heute nicht, dass man sich dauerhaft mit den Nachteilen einer einseitigen Taubheit abfinden muss. Für diese Situation wurden spezielle Hörsysteme entwickelt.
Was bedeutet einseitige Taubheit?
Von einer einseitigen Taubheit spricht man, wenn ein Ohr praktisch kein verwertbares Hörvermögen mehr besitzt, während das andere Ohr normal oder zumindest deutlich besser hört.
Die Ursachen können vielfältig sein. Dazu gehören unter anderem:
* ein schwerer Hörsturz,
* Erkrankungen des Innenohres,
* ein Akustikusneurinom,
* Verletzungen nach Unfällen,
* angeborene Hörstörungen,
* oder Infektionen, die das Innenohr dauerhaft geschädigt haben.
Betroffene können mit dem gesunden Ohr zwar meist gut hören, stoßen im Alltag aber häufig auf erhebliche Schwierigkeiten.
Warum ist ein taubes Ohr problematisch?
Viele Menschen denken zunächst:
„Ich habe doch noch ein gesundes Ohr. Damit komme ich schon zurecht.”
Im ruhigen Wohnzimmer mag das tatsächlich funktionieren. Im Alltag entstehen jedoch zahlreiche Probleme. Kommt ein Gesprächspartner von der tauben Seite, versteht man ihn oft überhaupt nicht.
Im Straßenverkehr lässt sich kaum erkennen, aus welcher Richtung sich ein Fahrzeug nähert. In Besprechungen oder Restaurants müssen Betroffene ihren Sitzplatz häufig sorgfältig wählen, damit wichtige Gesprächspartner auf der hörenden Seite sitzen. Auch das Richtungshören funktioniert praktisch nicht mehr. Das Gehirn kann die Position einer Schallquelle nur dann exakt bestimmen, wenn es Informationen aus beiden Richtungen erhält.
Das CROS-Hörgerät – wenn nur ein Ohr taub ist
Für Menschen mit vollständig einseitiger Taubheit wurde das sogenannte CROS-System entwickelt.
Die Abkürzung steht für Contralateral Routing of Signal. Das Prinzip ist ebenso einfach wie genial. Auf der tauben Seite befindet sich ein kleines Mikrofon, das sämtliche Geräusche aufnimmt.
Diese werden drahtlos an das Hörgerät auf der gesunden Seite übertragen. Der Träger hört dadurch zwar weiterhin ausschließlich mit einem Ohr, verpasst jedoch keine Informationen mehr, die von der tauben Seite kommen.
Stellen Sie sich vor, jemand spricht Sie links an, Ihr linkes Ohr ist jedoch vollständig taub. Ohne CROS würden Sie diese Person möglicherweise gar nicht wahrnehmen.
Mit einem CROS-System nimmt das Mikrofon links die Sprache auf und sendet sie sofort an das rechte Hörgerät. Das Gehirn erhält die Information also trotzdem. Das eigentliche Richtungshören kann dadurch zwar nicht vollständig wiederhergestellt werden, aber der Alltag wird erheblich erleichtert.
Was ist ein BiCROS-Hörgerät?
Etwas komplizierter ist die Situation, wenn das bessere Ohr ebenfalls nicht mehr vollständig gesund ist.
Dann reicht eine reine Signalübertragung nicht aus.
In diesem Fall kommt ein BiCROS-System zum Einsatz.
Es erfüllt zwei Aufgaben gleichzeitig:
* Es überträgt die Geräusche der tauben Seite.
* Gleichzeitig verstärkt es die Schallereignisse für das noch hörende, aber ebenfalls schwerhörige Ohr.
Dadurch entsteht eine Hörversorgung, die beide Probleme gleichzeitig berücksichtigt.
Gerade ältere Menschen profitieren häufig von dieser Technik, weil altersbedingte Schwerhörigkeit selten völlig einseitig verläuft.
Ist vielleicht sogar ein Cochlea-Implantat möglich?
In den vergangenen Jahren hat sich die Versorgung einseitig ertaubter Menschen erheblich weiterentwickelt. In bestimmten Fällen kann heute auch ein Cochlea-Implantat (CI) eine sinnvolle Alternative sein.
Dabei handelt es sich nicht um ein Hörgerät, sondern um eine elektronische Innenohrprothese. Ein operativ eingesetzter Elektrodenstrang übernimmt die Aufgabe der geschädigten Sinneszellen und stimuliert den Hörnerv direkt.
Ob diese Behandlung infrage kommt, hängt von zahlreichen medizinischen Faktoren ab und wird in spezialisierten Zentren sorgfältig geprüft. Nicht jeder Betroffene eignet sich für ein Cochlea-Implantat.
Wer jedoch die Voraussetzungen erfüllt, kann häufig wieder ein deutlich besseres räumliches Hören erreichen als mit einem CROS-System.
Wie findet man die richtige Lösung?
Kein Hörgerät der Welt kann allein aufgrund eines Audiogramms ausgewählt werden.
Ebenso wichtig ist die Frage:
Wie leben Sie?
Ein Rentner, der überwiegend zu Hause liest und fernsieht, hat andere Anforderungen als eine Lehrerin, ein Außendienstmitarbeiter oder jemand, der regelmäßig Vereinsabende besucht.
Deshalb beginnt eine gute Hörgeräteversorgung immer mit einem ausführlichen Beratungsgespräch.
Der Hörakustiker möchte unter anderem wissen:
* Welche Situationen bereiten Ihnen Schwierigkeiten?
* Telefonieren Sie häufig?
* Nehmen Sie regelmäßig an Besprechungen teil?
* Besuchen Sie gerne Restaurants?
* Hören Sie viel Musik?
* Sind Sie sportlich aktiv?
* Möchten Sie Fernsehton direkt ins Hörgerät übertragen?
Je genauer diese Fragen beantwortet werden, desto besser lässt sich das passende System auswählen.
Probetragen ist unverzichtbar
Kein Mensch kann nach wenigen Minuten beurteilen, ob ein Hörgerät wirklich zu ihm passt.
Das Gehirn benötigt Zeit, um sich an die neuen Höreindrücke zu gewöhnen.
Deshalb bieten seriöse Hörakustiker die Möglichkeit, verschiedene Geräte mehrere Tage oder sogar Wochen im Alltag zu testen.
Diese Phase ist von unschätzbarem Wert.
Erst im eigenen Wohnzimmer, beim Einkaufen, im Restaurant oder auf einem Spaziergang zeigt sich, ob ein Hörgerät wirklich überzeugt.
Scheuen Sie sich deshalb nicht, verschiedene Modelle miteinander zu vergleichen.
Oft sind es kleine Unterschiede in Klang, Bedienung oder Tragekomfort, die später entscheidend sind.
Welche Rolle spielen die Kosten?
Viele Menschen zögern zunächst, weil sie befürchten, zwei Hörgeräte seien kaum bezahlbar.
Diese Sorge ist verständlich, entspricht aber häufig nicht der Realität.
Die gesetzlichen Krankenkassen beteiligen sich an den Kosten einer medizinisch notwendigen Hörgeräteversorgung.
Es stehen außerdem moderne, zuzahlungsfreie Geräte zur Verfügung, die bereits eine erstaunlich gute Hörqualität bieten.
Entscheidet man sich für zusätzliche Komfortfunktionen oder besonders hochwertige Technik, können Eigenanteile entstehen.
Diese unterscheiden sich je nach Hersteller und Modell erheblich.
Lassen Sie sich deshalb niemals allein vom Preis leiten.
Ein gut angepasstes Hörgerät der Mittelklasse kann im Alltag wesentlich mehr Freude bereiten als ein teures Spitzenmodell, dessen Möglichkeiten gar nicht genutzt werden.
Fazit
Die Frage, ob ein oder zwei Hörgeräte sinnvoll sind, lässt sich nicht pauschal beantworten.
Entscheidend sind immer das individuelle Hörvermögen, die persönlichen Lebensumstände und die Ergebnisse einer sorgfältigen Höranalyse.
In den meisten Fällen profitieren Menschen mit einer beidseitigen Hörminderung deutlich von zwei Hörgeräten. Das Richtungshören verbessert sich, Gespräche werden entspannter und das Gehirn muss sich erheblich weniger anstrengen.
Liegt dagegen eine echte einseitige Taubheit vor, stehen mit CROS-, BiCROS-Systemen oder – in geeigneten Fällen – einem Cochlea-Implantat moderne Lösungen zur Verfügung, die den Alltag spürbar erleichtern können.
Der wichtigste Rat lautet deshalb:
Lassen Sie sich nicht vorschnell für oder gegen ein bestimmtes Hörsystem entscheiden. Nutzen Sie die Möglichkeit des Probetragens, schildern Sie Ihrem Hörakustiker möglichst genau Ihre alltäglichen Hörprobleme und geben Sie Ihrem Gehirn genügend Zeit, sich an die neue Hörwelt zu gewöhnen.
Ein gut angepasstes Hörgerät verbessert nicht nur das Hören – es erleichtert Kommunikation, steigert die Lebensqualität und hilft dabei, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Bildquellen:
- einseitig_800x500: Peter Wilhelm KI














