Hören und Ohr

Wir müssen reden: Hörgeräte und Demenz – Die wahren Zusammenhänge

Hörgeräte

Kaum ein Thema wird in der Hörakustik so gern verkürzt dargestellt wie der Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit, Hörgeräten und Demenz. Die einen formulieren sinngemäß: „Hörgeräte schützen vor Demenz.“ Andere halten den Zusammenhang für übertrieben.

Beides greift zu kurz.

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Die Forschung zeigt inzwischen recht klar, dass Hörverlust mit einem erhöhten Risiko für kognitiven Abbau und Demenz verbunden ist. Ebenso gibt es gute Hinweise darauf, dass eine Hörversorgung besonders bei Menschen mit erhöhtem Risiko günstig wirken kann. Nicht bewiesen ist dagegen, dass ein Hörgerät Demenz generell verhindert.

Genau diese Unterscheidung ist wichtig.

Ich weiß gar nicht, wie viele Artikel ich in den letzten drei Jahren in der Presse gelesen habe, die die sehr verkürzte Darstellung „Schwerhörigkeit macht dement“ zum Inhalt hatten.
Dabei gibt es da unbestritten Zusammenhänge zwischen einer unversorgten Schwerhörigkeit und dem Verlauf von Demenzerkrankungen. Aber in der eben genannten, verkürzten Form ist diese Aussage so einfach nicht allein richtig.

Deshalb lassen Sie mich Ihnen das als Hörexperte einmal ganz ausführlich erklären. Wir müssen reden!

Hörverlust gehört zu den beeinflussbaren Demenz-Risikofaktoren

Eine der wichtigsten Zusammenfassungen des Forschungsstands stammt von der internationalen Lancet Commission on Dementia Prevention, Intervention and Care. In ihrem Bericht von 2024 nennt sie 14 beeinflussbare Risikofaktoren für Demenz.

Dazu gehören unter anderem geringe Bildung, Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes, Bewegungsmangel, soziale Isolation, Depression, hohe LDL-Cholesterinwerte – und eben auch Hörverlust.

Nach den Berechnungen der Kommission könnten diese 14 Faktoren zusammen auf Bevölkerungsebene mit rund 45 Prozent der Demenzfälle zusammenhängen. Seit 2024 gehört auch unbehandelter Sehverlust zu dieser Liste.1

Für Hörverlust im mittleren Lebensalter beziffert die Lancet Commission den sogenannten bevölkerungsbezogenen Anteil auf etwa 7 Prozent. Damit gehört schlechtes Hören zu den wichtigsten modifizierbaren Faktoren in dieser Lebensphase.

Aber Vorsicht: Daraus folgt keineswegs, dass ein schwerhöriger Mensch eine „7-prozentige Wahrscheinlichkeit“ hat, wegen seines Gehörs an Demenz zu erkranken.

Ein Risikofaktor ist keine Ursache

Das ist die wichtigste Botschaft des gesamten Themas.

Wenn zwei Dinge statistisch miteinander zusammenhängen, bedeutet das nicht automatisch, dass das eine das andere verursacht.

Hörverlust kann mit Demenz zusammenhängen, ohne alleiniger Auslöser zu sein. Möglich sind mehrere Mechanismen gleichzeitig. Ebenso können gemeinsame Faktoren – etwa Gefäßerkrankungen, Alterungsprozesse oder bestimmte Stoffwechselerkrankungen – sowohl das Hörvermögen als auch die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Neuere Übersichtsarbeiten weisen ausdrücklich darauf hin, dass Schwerhörigkeit sowohl ein beeinflussbarer Risikofaktor als möglicherweise auch in manchen Fällen ein frühes Begleitzeichen neurodegenerativer Prozesse sein könnte. Die Kausalität ist also komplexer als die Formel „schlecht hören macht dement“. 2

Warum könnte schlechtes Hören das Gehirn belasten?

Dafür gibt es mehrere plausible Erklärungen.

Eine davon ist die sogenannte kognitive Belastung. Wenn Sprache undeutlich im Gehirn ankommt, muss das Gehirn mehr Arbeit leisten, um aus dem unvollständigen Signal Bedeutung herauszufiltern. Ressourcen, die eigentlich für Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder andere Denkprozesse zur Verfügung stehen könnten, werden stärker für das Zuhören benötigt. 3

Hinzu kommt ein zweiter möglicher Weg: weniger soziale Teilhabe. Wer Gesprächen zunehmend schlecht folgen kann, meidet möglicherweise Familienfeiern, Stammtische, Veranstaltungen oder andere soziale Situationen. Weniger Kommunikation bedeutet wiederum weniger geistige und soziale Stimulation.

Der Zusammenhang zwischen Hörverlust, sozialem Rückzug und kognitiver Entwicklung wird seit Jahren untersucht. Allerdings ist die genaue Rolle sozialer Isolation als vermittelnder Faktor noch nicht abschließend geklärt. Eine systematische Übersicht von 2024 fand zwar einen Zusammenhang zwischen schlechterem Hören und späteren kognitiven Problemen, konnte die soziale Isolation aber nicht eindeutig als entscheidenden Vermittler bestätigen.4

Ein dritter Erklärungsansatz betrifft Veränderungen im Gehirn selbst. Untersuchungen zeigen bei länger bestehendem Hörverlust Veränderungen in Hirnregionen, die unter anderem an Sprachverarbeitung, Gedächtnis und sensorischer Integration beteiligt sind. Ob diese Veränderungen Ursache, Folge oder Teil eines gemeinsamen Alterungsprozesses sind, ist allerdings weiterhin Gegenstand der Forschung. 5

Je schlechter das Gehör, desto höher scheint das Risiko

Interessant ist, dass viele Untersuchungen eine Art Dosis-Wirkungs-Beziehung zeigen: Mit zunehmendem Hörverlust steigt statistisch auch das Risiko für kognitive Einschränkungen.

Solche Abstufungen stärken grundsätzlich die Annahme, dass der Zusammenhang nicht bloß zufällig ist.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasst die epidemiologische Datenlage dahingehend zusammen, dass altersbedingter Hörverlust konsistent mit beschleunigtem kognitivem Abbau und einem höheren Demenzrisiko verbunden ist. Gleichzeitig bleiben mögliche Störfaktoren und eine umgekehrte Kausalität wichtige Einschränkungen. 6

Und was bringen Hörgeräte?

Hier wird es besonders interessant – und besonders häufig falsch dargestellt.

Die bisher wichtigste randomisierte Untersuchung ist die ACHIEVE-Studie. Dabei wurden 977 Menschen zwischen 70 und 84 Jahren mit unbehandeltem Hörverlust drei Jahre lang begleitet. Eine Gruppe erhielt eine umfassende Hörversorgung, die Vergleichsgruppe nahm an einem Gesundheitsprogramm teil.

Das Hauptergebnis war zunächst ernüchternd:

In der gesamten Studiengruppe verringerte die Hörversorgung den kognitiven Abbau nicht statistisch signifikant.

Das bedeutet: Man kann aus ACHIEVE nicht ableiten, dass Hörgeräte grundsätzlich vor Demenz schützen.

Aber die Studie enthielt bereits vorab definierte Untergruppen. Und dort zeigte sich ein bemerkenswerter Unterschied.

Bei den Teilnehmern mit erhöhtem Risiko für kognitiven Abbau, die aus einer länger laufenden Herz-Kreislauf-Studie stammten, verlief der geistige Abbau unter Hörversorgung über drei Jahre deutlich langsamer. Die häufig zitierte Größenordnung beträgt etwa 48 Prozent. 7

Die Forscher selbst formulieren entsprechend vorsichtig: Eine Hörintervention könnte den kognitiven Abbau bei älteren Menschen mit erhöhtem Risiko vermindern, während sich dieser Effekt bei Menschen mit niedrigem Ausgangsrisiko nicht zeigte. 8

Das ist ein wichtiges Ergebnis – aber eben kein Freibrief für die Werbeaussage „Hörgeräte verhindern Demenz“.

Beobachtungsstudien liefern zusätzliche Hinweise

Neben ACHIEVE gibt es zahlreiche Beobachtungsstudien.

Eine 2024 in JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery veröffentlichte große Kohortenstudie fand einen Zusammenhang zwischen Hörverlust und höherem Demenzrisiko. Besonders ausgeprägt war dieser bei Menschen, die trotz Hörverlust keine Hörgeräte verwendeten.

Die Autoren betonen allerdings selbst, dass daraus noch keine sichere Kausalität folgt und weitere hochwertige Langzeitstudien notwendig sind. 9

Das ist typisch für dieses Forschungsfeld: Die Richtung der Ergebnisse ist zunehmend konsistent, aber der endgültige Beweis, dass Hörgeräte bei jedem Menschen Demenz verhindern oder das Erkrankungsrisiko um einen bestimmten Prozentsatz senken, existiert nicht.

Hörgeräte sind trotzdem eine gute Idee

Für die Entscheidung, eine Schwerhörigkeit behandeln zu lassen, braucht man allerdings gar kein Demenzversprechen.

Hörgeräte sollen zunächst einmal das tun, wofür sie gebaut wurden:

besseres Sprachverstehen ermöglichen, Kommunikation erleichtern und gesellschaftliche Teilhabe erhalten.

Wer seine Familie wieder besser versteht, bei Gesprächen weniger erschöpft ist und sich nicht ständig anstrengen muss, um einzelne Wörter zusammenzuraten, gewinnt unmittelbar an Lebensqualität.

Dass eine gute Hörversorgung darüber hinaus möglicherweise auch die geistige Gesundheit günstig beeinflusst, ist ein zusätzlicher und wissenschaftlich durchaus plausibler Vorteil.

Nicht erst mit 75 an das Gehör denken

Bemerkenswert ist, dass die Lancet Commission Hörverlust ausdrücklich dem mittleren Lebensalter zuordnet.

Das spricht dagegen, Schwerhörigkeit ausschließlich als Altersproblem zu betrachten, mit dem man sich irgendwann nach dem 70. Geburtstag beschäftigen könne.

Hörverlust entwickelt sich meistens langsam. Häufig merken Betroffene selbst lange nichts davon. Stattdessen heißt es:

„Die anderen nuscheln.“

„Der Fernsehton ist schlecht.“

„Im Restaurant verstehe ich sowieso niemanden.“

„Meine Frau redet immer aus dem anderen Zimmer.“

Gerade deshalb kann ein gelegentlicher Hörtest sinnvoll sein, auch wenn man selbst noch überzeugt ist, völlig normal zu hören.

Auch die Augen spielen eine Rolle

Seit dem Bericht von 2024 führt die Lancet Commission außerdem unbehandelten Sehverlust als neuen beeinflussbaren Risikofaktor auf.

Der bevölkerungsbezogene Anteil wird dort mit rund 2 Prozent angegeben.10

Damit betrifft gleich ein Teil der Demenzpräventionsforschung unsere beiden wichtigsten Fernsinne.

Das bedeutet wiederum nicht, dass eine neue Brille oder ein Hörgerät Demenz „wegtherapiert“. Aber es zeigt, wie wichtig ausreichende sensorische Informationen für ein aktives Leben sein können.

Wer schlecht sieht und schlecht hört, nimmt weniger von seiner Umgebung auf, Kommunikation wird schwieriger und gesellschaftliche Aktivitäten können anstrengender werden.

Was heißt das nun ganz praktisch?

Aus der Forschung lassen sich einige ausgesprochen unspektakuläre Empfehlungen ableiten:

Lassen Sie Ihr Gehör regelmäßig überprüfen. Warten Sie nicht, bis Gespräche bereits zum täglichen Problem geworden sind. Wenn ein relevanter Hörverlust festgestellt wird, sollte man eine Versorgung nicht aus falscher Eitelkeit oder aus Angst vor Hörgeräten jahrelang hinauszögern.

Dasselbe gilt für das Sehen.

Und vor allem: Bleiben Sie kommunikativ und sozial aktiv. Gespräche, Bewegung, soziale Kontakte, die Behandlung von Bluthochdruck und Diabetes, Nichtrauchen und körperliche Aktivität gehören ebenso in das Gesamtbild wie gutes Hören. Die Lancet Commission betrachtet Demenzrisiko ausdrücklich nicht als das Ergebnis eines einzelnen Faktors, sondern als Zusammenspiel vieler beeinflussbarer und nicht beeinflussbarer Einflüsse. 11

Die wichtigste Aussage: Hörverlust ernst nehmen – aber keine Angst machen

Hörgerätehersteller und Hörakustiker sollten mit diesem Thema verantwortungsvoll umgehen.
Leider passt es vielen Hörakustikern ganz gut ins kaufmännische Konzept ihrer Verkaufsgespräche und oft genug wird alten Menschen mit der Angst vor der Demenz viel Geld aus der Tasche gezogen. Das weiß ich aus vielen Gesprächen und Zuschriften.

Pressevertretern kann man den Vorwurf machen, immer wieder sensationsheischend bestimmte Gesundheitsthemen aufzugreifen, ohne richtig zu recherchieren.

Die Aussage „Wer keine Hörgeräte trägt, bekommt Demenz“ ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Ebenso falsch wäre jedoch:

„Mit Demenz hat Schwerhörigkeit überhaupt nichts zu tun.“

Der aktuelle Forschungsstand liegt dazwischen:

Hörverlust ist überzeugend mit einem höheren Risiko für kognitiven Abbau und Demenz verbunden. Es gibt mehrere plausible Mechanismen für diesen Zusammenhang. Und die bisher beste randomisierte Studie liefert Hinweise darauf, dass eine Hörversorgung insbesondere bei älteren Menschen mit erhöhtem Risiko den kognitiven Abbau verlangsamen kann. 12

Ein Hörgerät ist aber keine Demenzimpfung.

Es ist eine Behandlung für Schwerhörigkeit – und möglicherweise gehört gutes Hören gleichzeitig zu den vielen Bausteinen, mit denen wir unserem Gehirn möglichst gute Voraussetzungen für gesundes Altern geben.

Häufige Fragen

Verursacht Schwerhörigkeit Demenz?
Das ist nicht bewiesen. Hörverlust gilt als Risikofaktor und ist statistisch mit einem höheren Demenzrisiko verbunden. Ursache und Wirkung lassen sich daraus nicht unmittelbar ableiten.

Was bedeuten die oft genannten 7 Prozent?
Sie beschreiben keinen individuellen Prozentsatz. Es handelt sich um eine bevölkerungsbezogene Modellrechnung: Wie groß wäre theoretisch der Anteil der Demenzfälle, der mit diesem Risikofaktor verbunden ist?

Können Hörgeräte Demenz verhindern?
Ein genereller Schutz ist nicht nachgewiesen. Die ACHIEVE-Studie fand in der Gesamtgruppe keinen signifikanten Effekt auf den kognitiven Abbau. Bei Teilnehmern mit erhöhtem Risiko verlief der Abbau unter Hörversorgung dagegen deutlich langsamer. PubMed

Sollte man deshalb möglichst früh Hörgeräte tragen?
Ein Hörgerät sollte getragen werden, wenn ein relevanter Hörverlust vorliegt und eine Versorgung sinnvoll ist – nicht aus Angst vor Demenz. Allerdings spricht die Forschung durchaus dafür, Hörverlust nicht jahrelang unbehandelt zu lassen.

Kann ein Hörtest feststellen, ob jemand dement wird?
Nein. Ein Hörtest prüft das Hörvermögen. Bei Gedächtnisstörungen, Orientierungsschwierigkeiten oder anderen Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit ist eine ärztliche Abklärung erforderlich.

Quellen und weiterführende Informationen

Die zentrale Grundlage ist der Lancet-Commission-Bericht 2024 von Livingston und Kollegen: Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. PubMed: Lancet Commission 2024 Die verständliche Zusammenfassung von Alzheimer Europe erläutert ebenfalls die 14 beeinflussbaren Risikofaktoren und die Größenordnung von rund 45 Prozent. Alzheimer Europe: Lancet Commission 2024

Zur Wirkung einer Hörversorgung auf die geistige Entwicklung ist die ACHIEVE-Studie von Lin und Kollegen die wichtigste randomisierte Untersuchung. PubMed: ACHIEVE-Studie

Als zusätzliche Belege eignen sich die große 2024 veröffentlichte Kohortenstudie zu Hörverlust, Hörgeräten und Demenzrisiko in JAMA Otolaryngology sowie aktuelle Übersichtsarbeiten über die möglichen Mechanismen zwischen Hörverlust und kognitivem Abbau. JAMA: Hearing Loss, Hearing Aid Use, and Risk of Dementia PubMed: Hearing loss and dementia in older adults – Review

Noch mehr zum Thema: Bücher von Peter Wilhelm

Wer sich über diesen Artikel hinaus ausführlicher mit Schwerhörigkeit, Hörgeräten und dem Leben mit Hörverlust beschäftigen möchte, findet in den Büchern von Peter Wilhelm viel zusätzliche Orientierung. Die Bücher richten sich nicht nur an Menschen, die bereits Hörgeräte tragen, sondern auch an Angehörige und an alle, die vor einer Hörgeräteversorgung stehen und sich zunächst unabhängig informieren möchten.

Dabei geht es nicht nur um Technik und Geräteklassen, sondern vor allem um die Fragen, die im Alltag tatsächlich entstehen: Wie fühlt sich der Einstieg mit Hörgeräten an? Warum klingt die eigene Stimme plötzlich anders? Weshalb versteht man trotz moderner Technik nicht automatisch jedes Gespräch? Was kann ein Hörgerät leisten – und wo liegen seine Grenzen? Gerade diese nüchterne, praxisnahe Sicht macht die Bücher zu einer sinnvollen Ergänzung zu wissenschaftlichen Informationen über Schwerhörigkeit und kognitive Gesundheit.

Eine Übersicht der verfügbaren Titel und weitere Informationen finden Sie hier: Die Bücher von Peter Wilhelm

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