• Kopflose Verzweiflung

    Die Kundin kommt das erste Mal zu mir in das Hörakustikstudio. Ich schätze, sie ist etwa 80 Jahre alt.
    Mit den Hörgeräten sei sie nicht zufrieden. Der andere Hörakustiker habe das nie richtig in den Griff bekommen und jetzt will sie es mal bei uns probieren.

    Es folgt, was folgen muss, wir machen einen Hör- und Verstehenstest mit der Dame.
    Ich sehe sofort, dass der Kollege irgendwie Mist gebaut haben muss. Hörkurven und Frequenzeinstellungen der Geräte passen überhaupt nicht richtig zusammen.

    In der Software nehme ich die notwendigen Anpassungen vor. Das ist schnell geschehen. Die Anpassformel passt super.
    Nun bitte ich die Kundin, die Hörgeräte einzusetzen. Das macht sie auch. Aber sie quält sich. Die Otoplastiken sind gelb verfärbt und sie hat richtige Schwierigkeiten sie einzusetzen.

    Das schaue ich mir mal näher an.
    Also, so kann sich ein Ohr nicht verformen, dass diese Dinger bequem sitzen, denke ich.

    Ich biete der Frau an, neue Otoplastiken anzufertigen. Das nimmt sie dankbar an.
    Dann folgt die übliche Prozedur, Otoskopie, Tamponage, Abdruck nehmen. Sie arbeitet gut mit und kurz darauf liegen die zwei Abformungen vor uns.

    Sie ist glücklich. Sie hoffe so sehr darauf, dass man hinterher mit den Geräten besser hören könne. Das sei ja so kein Zustand mehr gewesen.

    Ob es denn auch was gegen das Pfeifen gebe, möchte sie wissen.

    Während ich meinen Text über Rückkopplungen und Otoplastiken aufsage, betrachte ich mir die Abformungen und die Otoplastiken. Ich werde zum wiederholten Male stutzig.

    Dann sagt die Frau: „Es ist nämlich fürchterlich nervtötend, wenn die Geräte bei meinem Mann immer so pfeifen.“

    „Ihrem Mann?“

    „Ja, mein Mann Hugo.“

    „Äh…“

    „Das sind die Hörgeräte von meinem Mann!“

    Also, liebe Leser, ich habe schon tausende von Anpassungen gemacht. Ich schwöre, dass die Frau von der ersten Sekunde an, als sie meinen Betrieb betreten hat, immer den Eindruck erweckt hat, als handele es sich um IHRE Hörgeräte.
    Ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass es sich um die Hörgeräte einer anderen Person handelt.

    Die abweichenden Hörkurven? Was meinen Sie, was ich da schon alles gesehen habe!
    Die nicht sitzenden Otoplastiken? Ha! Da habe ich schon Dinger gesehen, die an Körperverletzung grenzen.

    Aber eins ist sicher, so etwas passiert mir nie wieder!

    Jörg B. Hörakustikermeister (52)



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    Bilder: BookBabe / Pixabay

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