• Kann der Opa einen Cerumenfilter wechseln?

    Letzte Woche war ich bei einem Hörakustiker zu Besuch. Die Dame, die an der Ladentheke steht, ist so Ende 50. Sie läßt sich vom Inhaber des Geschäfts geduldig erklären, wie an den neuen Hörgeräten für ihren Opa die Cerumenfilter gewechselt werden.

    1. Kennen Sie so freundliche Damen und Herren, die lächelnd alles abnicken, was man ihnen erklärt und dazu noch „ja, ja“ und Genau!“ sagen; und Sie wissen ganz genau, dass die nichts, aber überhaupt nichts von dem verstanden haben, was Sie denen erklärt haben?

    2. Opa? Hatte ich da richtig gehört? Oder gehört die Dame zu der Fraktion, die ihren eigenen Mann oder Vater Opa nennt, weil die Kinder oder Enkel es auch tun?

    Aber genau so eine Dame war das. Ich habe jetzt auch nicht verstanden, warum es der Hörakustikermeister für so dringlich hielt, der Frau ausgerechnet das Wechseln des Cerumenfilters zu erklären. Sie hätte im Bedarfsfall ja auch mit den Hörgeräten beim netten Hörakustiker vorbeischauen können. Jedenfalls hatte sie nichts begriffen. Man hätte ihr auch eine Hirnoperation oder das Zerlegen eines Turbomotors erklären können, sie hätte trotzdem „Genau!“ gesagt und lächelnd genickt.

    Ja und der Opa? Nein, nein, es ging nicht um ihren Mann, auch nicht um ihren Vater. Die Frau sprach tatsächlich von ihrem Großvater.
    Moment, sie war Ende fünfzig. Dann wäre ihr Vater unter normalen Umständen so Ende siebzig und demnach der Opa fast hundert.
    Das bestätigte sich im nächsten Satz: „Der hat ja noch während des Kriegs die Ausbildung zum Lokomotivführer gemacht. Der kennt sich ja mit Werkzeug aus.“

    Von 1920 ist der alte Herr und hat jetzt, das ist ja auch schon erstaunlich, bei bester Gesundheit und bestem geistigen Zustand, seine ersten Hörgeräte bekommen. „Der wollte ja viele Jahre keine, solange seine Frau noch lebte; da war er lieber taub. Aber in dem Wohnheim, wo er seit 15 Jahren lebt, die beschweren sich jetzt, weil er einfach nichts versteht.“

    Erst da wurde dem Hörakustiker das wieder bewußt. Er kannte den alten Herrn ja von der Anpassung.

    „Hm“, meinte er: „Das bekommen Sie und der Opa nicht alleine hin. Wissen Sie was? Wenn Sie meinen, dass das gemacht werden muss, kommen Sie einfach vorbei.“

    Gut gemacht!
    Denn das Wechseln eines Cerumenfilters ist zwar im Grunde eine kinderleichte Angelegenheit, aber sie erfordert feinmotorisches Geschick.
    Wie man auf dem Titelbild dieses Beitrags erkennen kann, sind die Stäbchen sehr klein und dünn. Und damit soll ein hochbetagter Mensch, der vielleicht schon etwas zittert, dann in einem hochempfindlichen Hörgeräthörer herumstochern?



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