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Hörgerätepreise sind zum Kotzen, oder?

Eigenlabel, Eigenmarke

Wenn ich mich als Hörgerätekauf-Kandidat, mit dem Kauf von Hörgeräten befasse, wird es mir einfach nur speiübel. Keine verbaute Komponente gerechtfertigt eine solche abgehobene Preispolitik, das ist nicht nur bedenklich, sondern für mich auch ein grosser Wucher. Wieso müssen die Rentnerinnen und Rentner als grösster Teil der Kunden dies ertragen?

Quelle: Luzerner Zeitung Leserbrief

Diese Meinung äußert Herr Hans-Rudolf Iten-Hartmann aus Unterägeri in der Schweiz in der Luzerner Zeitung.

Grund genug für uns, einmal die Hörgerätepreise näher zu betrachten.
Ein gutes Hörgerät bekommt man in Deutschland schon ab 500,- €. Dieser Preis wird hierzulande für gesetzlich Versicherte komplett von der Krankenkasse übernommen, die bis zu rund 750 € pro Hörgerät bezahlt. In der Schweiz ist das genau so.

Wer ein höherwertiges Hörgerät haben möchte, muss tiefer in die Tasche greifen. Dann können Hörgeräte auch schon mal bis zu 8.000 Euro pro Ohr kosten. Wenn es rein um die Grundbedürfnisse eines durchschnittlich Schwerhörigen geht, ist diese Mehrausgabe nicht unbedingt notwendig.

Teurere Hörgeräte haben aber durchaus ihre Berechtigung. Sie bieten über die reine Hörverstärkung und Frequenzanpassung hinaus noch wesentlich mehr. Das sind Funktionen der einfacheren Bedienbarkeit (über eine App oder Fernsteuerung), der besseren Kommunikation (Anbindung von Smartphone oder TV) bis hin zu deutlich verbesserten Einstellmöglichkeiten durch mehr Kanäle und Programme.

Herr Iten-Hartmann aus der Schweiz hat im Grunde genommen Recht: Der reine Materialwert eines Hörgeräts lässt nicht vermuten, dass sie so teuer sein können. Nimmt man ein Hörgerät auseinander, so findet man sehr wenige Teile. Die Miniaturisierung ist auch hier weit vorangeschritten.

Jedoch handelt es sich eben nicht um Bauteile, die in so großer Stückzahl und mit so großen Toleranzen gefertigt werden, wie z.B. Bauteile für ein Smartphone. Gemessen an der Weltbevölkerung ist trotz ihrer großen Zahl, die Anzahl der Hörgeräteträger wiederum vergleichsweise klein. Demzufolge sind viele der elektronischen Teile nicht einfach auf dem Krabbeltisch des Weltmarktes zu haben, sondern es handelt sich um Spezialanfertigungen für einen überschaubaren Abnehmerkreis. Das macht sie teurer als andere elektronische Komponenten.

Nicht zu vergessen ist die Entwicklungsarbeit und die Spezialfertigung für das Herze jedes digitalen Hörgerätes: Den Chip. Dieser spiegelt die gesamte Ingenieurskunst der audiologischen Abteilungen der Hörgerätehersteller wieder. Mehr zu den Entwicklungskosten weiter unten.

Außerdem handelt es sich bei Hörgeräten um Medizinprodukte, die eine besonders große Sorgfalt bei der Auswahl der Bauteile erfordern. Medizinprodukte werden an ganz anderen Messlatten gemessen, wie Consumer-Produkte.

Trotzdem: Hörgeräte werden zu Hunderttausenden gefertigt und die Hersteller haben natürlich gute Konditionen für den Bezug der Bauteile.

Betrachten wir aber noch die Fertigung der Hörgeräte, die oft im Ausland geschieht. Selbst dann ist sie aufwendig und teuer, denn hier sind wir weit weg von einer Massenfertigung durch Maschinen. Immer noch werden Hörgeräte von Hand zusammengesetzt. Und das ist eine hochkomplizierte und anspruchsvolle Arbeit, die oft genug unter dem Mikroskop geschehen muss. Auch das kostet Geld.

Trotzdem: Alles in allem hat so ein Hörgerät vielleicht einen Materialwert zwischen 90 und 200 €.

Aber: Ein Hörgerät besteht nicht nur aus der Hardware!

Die Software und die Entwicklung machen den Großteil der Hörgerätekosten aus. Überall auf der Welt forschen und entwickeln Ingenieure immer schlauere Technologie, um das Hören noch angenehmer zu machen und um noch mehr Menschen mit ihren Produkten helfen zu können. Die Entwicklungsabteilungen der Hörgerätehersteller verschlingen Millionen. Und diese Millionen muss der Hörgerätekunde zu einem angemessenen Teil ein Stück weit mittragen.
Diese Kosten sieht man dem Hörgerät aber nicht an. Sie sind es aber, die heutzutage 90% der Hörgerätetechnologie ausmachen.

Der Markt für Hörgeräte ist groß, keine Frage. Aber es sind eben keine Produkte für jedermann, sondern für Menschen, die ein gesundheitliches oder altersbedingtes Problem haben. Diese Produkte können nicht über Handelsvertreter oder einen Großhandel vertrieben werden, sondern werden von Fachleuten, die oft genug Hörakustikermeister*innen sind, vorgestellt. Darüberhinaus müssen die Hörakustiker in regelmäßigen Abständen geschult und in die neue Technik eingewiesen werden. Auch das kostet immens viel Geld. Geld, das sich ebenfalls im Kaufpreis niederschlägt.
Niemand will ja ein Hörgerät von einer nicht ausgebildeten Kraft verkauft bekommen.

Die Anpassung von Hörgeräten ist kein Pappenstiel. Dazu gehört eine aufwendige technische Ausrüstung, ein geeignetes Umfeld und eine langjährige Ausbildung. Es ist ja überhaupt kein Geheimnis, dass Hörakustiker am jeweiligen Hörgerät einen schönen Anteil mitverdienen. Das steht ihnen, meiner Meinung nach auch unbedingt zu!

Man zahlt hier ein Stück der jahrzehntelangen Erfahrung und Ausbildung des Hörakustikers mit. Man zahlt auch für die Räumlichkeiten, die Lagerkosten, die Beschaffungskosten und die vorhandene technische Ausstattung mit.

Diese Litanei der nebenher entstehenden und für den Kunden unsichtbaren Kosten könnte man noch ellenlang weiterführen.

Ob Hörgeräte jetzt immer den höchsten Preis, der am Markt verlangt wird, kosten müssen, halte ich auch für überdenkenswert.
Aber es bleibt einfach dabei: Medizinprodukte sind keine Produkte von der Stange, sondern Spezialprodukte für einen ausgewählten Kundenkreis. Die reinen Gerätekosten sind gar nicht mal so hoch, aber das gesamte Drumherum kostet viel, viel Geld.



(si)



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Peter Wilhelm Hörgeräte-Experte
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   Hörgeräte Edingen-Neckarhausen