Fragen an die Redaktion

Energy-Drinks und plötzlich ein Pfeifen im Ohr – kann das zusammenhängen?

Junger Mann mit vielen Energydrinks im Fitnessstudio

In unserer Redaktion landet immer wieder Post, bei der man schon nach den ersten Sätzen spürt: Hier geht es nicht um eine Kleinigkeit, sondern um ein Warnsignal. Diesmal schreibt uns ein Leser, der sehr regelmäßig Energy-Drinks konsumiert und seit einiger Zeit Ohrgeräusche bemerkt. Die Frage: Ist das harmlos, ist das „Entzug“, oder steckt etwas anderes dahinter?

Die Leserfrage

Ich trinke regelmäßig Energy-Drinks, so um die 8 Dosen am Vormittag beim Zocken am Rechner und nachmittags nur wenige etwa 4. Abends trinke ich keine mehr, damit ich gut schlafen kann. Ich habe nach dem Trinken von Bulls oft ein Sausen in den Ohren und seit neuestem auch ein Pfeiffgeräusch. Das nervt mich. Es ist ein hohes Fiepen. Jetzt hab ich gedacht, ich frag euch mal.
Kommt das, weil ich abends keine Energys mehr trinke? Wäre es besser, noch mehr Flüssigkeit also Energy-Pushs zu trinken? Es gibt ja auch so Shots mit höherem Wirkstoff drinne.
Enegrys sind ja bei alten Leuten nicht so beliebt. Für Menschen über 30 ist das ja wohl auch nichts mehr. Aber wir Jungen vertragen das ja gut und die sind ja auch mit Vitaminen und Inhaltsstoffen angereichert. Im Fitnessstudio sagt mein Trainer die sind gesund und machen fit. Deshalb kann da ja nichts Schädliches drin sein. Was meint Ihr dazu?

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Die Leserfrage enthält mehrere typische Annahmen, die in der Praxis sehr häufig vorkommen – und die medizinisch relevant sind, weil sie Risiken eher verharmlosen oder in die falsche Richtung deuten. Auffällig ist zunächst der Konsum: Der Leser beschreibt rund 8 Dosen am Vormittag und am Nachmittag „nur wenige“, etwa 4. Das sind insgesamt ungefähr 12 Energydrinks pro Tag. So etwas ist nicht mehr „gelegentlich“ oder „moderat“, sondern liegt weit außerhalb dessen, was gesundheitlich als unproblematisch gelten kann – auch dann, wenn man sich subjektiv fit fühlt.

Ein zweiter Punkt ist die Interpretation der Symptome. Das Ohrensausen und das neu aufgetretene hochfrequente Pfeifen werden nicht als mögliche Folge einer Überdosierung verstanden, sondern der Leser vermutet eher, es könne daran liegen, dass er abends keine Energy-Drinks mehr trinkt. Damit rückt gedanklich ein „Entzug“ in den Vordergrund, obwohl die Gesamtdosis tagsüber bereits extrem hoch ist. Das führt fast automatisch zur nächsten Fehlannahme: Die Idee, zur Besserung noch mehr „Energy-Push“ zu trinken – sogar in Form von Shots mit höherem Wirkstoffgehalt. Das ist ein klassischer Trugschluss nach dem Motto „mehr hilft mehr“, obwohl bei stimulierenden Substanzen das Gegenteil der Fall sein kann: Ab einem bestimmten Punkt kippt der Effekt und der Körper reagiert mit Stresssymptomen.

Hinzu kommt eine altersbezogene Verharmlosung. Der Leser schreibt, Energydrinks seien bei alten Leuten nicht so beliebt und für Menschen über 30 sei das „wohl auch nichts mehr“, aber „wir Jungen“ würden das gut vertragen. Das klingt für einfach denkende Menschen plausibel, ist medizinisch aber nicht belastbar. Ein junger Körper kann manches kompensieren, reagiert aber keineswegs weniger stark auf Blutdruck-, Gefäß- und Nervensystem-Reize. Das Risiko verschwindet nicht, nur weil man sich nicht sofort krank fühlt.

Besonders typisch ist schließlich das Gesundheitsargument über Marketing: Energydrinks seien mit Vitaminen und Inhaltsstoffen angereichert, der Trainer im Fitnessstudio sage, sie seien gesund und machten fit, also könne da nichts Schädliches drin sein. Genau hier liegt ein Denkfehler: Vitamine sind kein „Schutzschild“, das die Wirkung hoher Koffein- oder sonstiger Stimulanzien neutralisiert. Und eine Empfehlung aus dem Alltag ist keine medizinische Risikoabwägung.

Für uns als Hörgeräte- und Hörgesundheits-Redaktion ist entscheidend: Das geschilderte Sausen und das hochfrequente Fiepen passen sehr gut zu akut auftretenden Ohrgeräuschen, landläufig Tinnitus genannt, und zu einer Übererregbarkeit des Hörsystems. Das kann ein Warnsignal sein – gerade dann, wenn es neu ist und sich wiederholt.

Hintergrund: Ein Fallbericht aus dem Ärzteblatt / BMJ Case Reports als Warnsignal

Um die Frage fundiert einzuordnen, greifen wir zusätzlich einen aktuellen Fallbericht auf, der in medizinischen Fachmedien diskutiert wurde. Es geht um den Fall eines ansonsten kerngesunden Mannes, der im Alter von Anfang 50 einen Schlaganfall erlitt. Das veranlasste sogar britische Mediziner1 zu einer Warnung vor einem hohen Konsum von Energydrinks.

Der 51-Jährige hatte wegen einer plötzlich aufgetretenen Hypästhesie der gesamten linken Körperseite und Kleinhirnsymptomen (Ataxie und Dysdiadochokinese) der linken oberen und unteren Gliedmaßen die Notfallaufnahme aufgesucht. Der Verdacht auf einen milden Schlaganfall (ohne Lähmungen) bestätigte sich in einer Magnetresonanztomografie, wo eine kleine Läsion im rechten Thalamus sichtbar war.

Laut der Universitätsklinik in Nottingham wies der Patient keine Risikofaktoren für einen Schlaganfall auf, außer einem Blutdruck von 254/150 mmHg, der unter der Behandlung mit Losartan und Amlodipin bis zur Entlassung nach 3 Tagen nur auf 170/80 mmHg zurückging.

Bei den Nachuntersuchungen blieb der Blutdruck unkontrolliert mit systolischen Werten von 190 bis 230 mmHg trotz einer Behandlung mit bis zu 6 Wirkstoffen (Amlodipin, Losartan, Indapamid, Bisoprolol und Doxazosin). Bei einer Befragung zum Lebensstil gab der Patient an, dass er täglich 8 Dosen eines Energydrinks mit 160 mg Koffein pro Dose konsumiert. Seine tägliche Koffeinaufnahme von 1.200–1.300 mg lag damit deutlich über der empfohlenen maximalen Tagesaufnahme von 400 mg.

Der völlige Verzicht auf Energydrinks führte bereits nach nur einer Woche zu einer Normalisierung des Blutdrucks und 3 Wochen später konnte er die Hochdruckmedikamente absetzen.

Von den Taubheitsgefühlen in seiner linken Hand, Finger, Fuß und Zehen hat er sich jedoch nach eigenen Angaben nicht völlig erholt. Der Verlauf lässt keinen Zweifel daran, dass die Energydrinks bei dem Patienten für den Anstieg des Blutdrucks und den Schlaganfall verantwortlich waren.

Für Koffein ist ein reversibler Anstieg des Blutdrucks bekannt. Es stimuliert die Freisetzung von Katecholamin, Renin und Aldosteron, wodurch die Herzleistung und der periphere Gefäßwiderstand ansteigen.

Antwort an den Leser: Kommt das Pfeifen, weil abends keine Energys mehr getrunken werden?

Die kurze, klare Antwort lautet: Nein – die Ohrgeräusche entstehen sehr wahrscheinlich nicht, weil abends keine Energydrinks mehr getrunken werden. Viel plausibler ist, dass sie durch den dauerhaft extrem hohen Konsum selbst ausgelöst oder verstärkt werden. Wer am Vormittag rund 8 Dosen und am Nachmittag 4 weitere konsumiert, bewegt sich in einem Bereich, in dem der Körper nicht mehr „ein bisschen stimuliert“ wird, sondern in dem Nervensystem und Kreislauf über Stunden in einen Stressmodus versetzt werden können.

Der Fallbericht aus Nottingham zeigt exemplarisch, was bei massivem Energydrink-Konsum passieren kann – und zwar unabhängig davon, wie „fit“ man sich fühlt oder ob man ansonsten keine klassischen Risikofaktoren mitbringt. Dort lag die tägliche Koffeinmenge bei etwa 1.200 bis 1.300 mg, also ungefähr dem Dreifachen dessen, was als maximale Tagesmenge empfohlen wird. Die Folge war ein dramatischer Blutdruckanstieg bis in lebensgefährliche Bereiche und letztlich ein Schlaganfall. Besonders bemerkenswert ist, wie schnell sich der Körper erholte, nachdem der Patient vollständig auf Energydrinks verzichtete: Schon nach einer Woche normalisierten sich die Blutdruckwerte deutlich, und einige Wochen später konnte die medikamentöse Therapie wieder beendet werden. Das unterstreicht nicht nur, dass Koffein und Co. kräftige physiologische Effekte haben können, sondern auch, dass diese Effekte nicht immer „harmlos“ sind, nur weil sie alltäglich wirken.

Warum das für Ohrgeräusche so relevant ist

Viele unterschätzen, wie empfindlich das Innenohr ist. Die Hörschnecke (Cochlea) und die dazugehörigen Sinneszellen reagieren sehr sensibel auf Durchblutung, Stoffwechsellage und Stresshormone. Wenn Koffein über Adenosin-Rezeptor-Blockade die gefäßerweiternde Wirkung von Adenosin hemmt und gleichzeitig die Freisetzung von Stresshormonen sowie Faktoren wie Renin und Aldosteron stimuliert, steigen Herzleistung und peripherer Gefäßwiderstand. Das bedeutet vereinfacht: Der Kreislauf wird „angespannt“, der Blutdruck kann steigen, und die Mikroregulation in feinen Gefäßstrukturen gerät leichter aus dem Gleichgewicht.

Für das Hörsystem kann das bedeuten, dass Nervenzellen und Verarbeitungszentren eher in eine Übererregung geraten. Genau daraus können akute Ohrgeräusche entstehen: ein Sausen, ein Pfeifen, ein hochfrequentes Fiepen, das plötzlich „da“ ist und nicht mehr weggeht, sobald es still wird. Das ist kein Beweis für eine dauerhafte Schädigung – aber es ist ein Warnsignal, das man ernst nehmen sollte, gerade wenn es neu ist und immer wieder nach dem Konsum auftritt.

Ist „mehr trinken“ eine Lösung? Energy-Shots als Gegenmaßnahme?

Nein. Die Idee, durch zusätzliche Energy-Pushs, mehr Energydrinks oder konzentrierte Shots die Situation zu verbessern, ist aus medizinischer Sicht kontraproduktiv. Das Problem ist nicht Flüssigkeitsmangel, sondern eine Überstimulation des Nerven- und Gefäßsystems. Wenn der Körper bereits mit Ohrgeräuschen reagiert, ist das nicht der Moment, die Dosis zu erhöhen. Das ist eher der Moment, die Dosis kritisch zu hinterfragen.

Auch der Hinweis auf Vitamine und „Inhaltsstoffe“ ändert daran nichts. Vitamine wirken nicht als Gegengift gegen Koffein. Sie neutralisieren weder den Blutdruckeffekt noch die Stresshormonlage. Substanzen wie Taurin, Guarana oder Ginseng sind ebenfalls kein Sicherheitsnetz; sie können die stimulierende Wirkung eher verlängern oder verstärken. Das subjektive Gefühl „macht fit“ ist dabei nicht gleichbedeutend mit „ist gesund“. Fit kann sich auch ein Körper anfühlen, der gerade deutlich zu hochfährt.

„Wir Jungen vertragen das“ – warum dieses Argument nicht trägt

Dass junge Menschen Energydrinks besser „wegstecken“, ist ein verbreiteter Mythos, aber albern. Ein junger Körper kann Symptome manchmal länger kompensieren, aber er reagiert nicht weniger auf die physiologischen Mechanismen: Blutdruckanstieg, Nervensystem-Stimulation, Schlafarchitektur-Störung (auch dann, wenn man „einschlafen kann“), und potentiell die Verstärkung von Stress- und Anspannungszuständen. Viele Risiken sind nicht sofort spektakulär, sondern schleichend. Tinnitus und Ohrensausen können dabei zu den ersten Zeichen gehören – lange bevor ein klassischer Hörtest messbare Verluste zeigt.

Fazit für die Leserfrage

Die Ohrgeräusche entstehen sehr wahrscheinlich nicht, weil abends keine Energydrinks mehr getrunken werden, sondern wegen des Übermaßes tagsüber. Mehr Energydrinks oder konzentrierte Shots sind keine Lösung, sondern ein Risiko. Der Fallbericht aus Nottingham macht deutlich, dass hoher Energydrink-Konsum den Blutdruck massiv beeinflussen kann und im Extremfall gravierende Folgen haben kann. Für das Hörsystem gilt: Ein neu auftretendes, hochfrequentes Pfeifen oder Fiepen ist ein Warnsignal. Wer so etwas bemerkt, sollte nicht „nachlegen“, sondern die Belastung reduzieren und die Signale des Körpers ernst nehmen.

Für Hörgeräte-Info.Net ist dabei besonders wichtig: Ein akuter, koffein- und stressgetriebener Tinnitus kann sich verfestigen, wenn die auslösenden Faktoren dauerhaft bestehen bleiben. Deshalb ist die vernünftigste Richtung nicht „mehr Energy“, sondern „weniger Reiz“ – und zwar möglichst früh.

Mehr auch hier: aerzteblatt

Bildquellen:

  • energy-idiot_800x500: Peter Wilhelm

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Fußnoten:

  1. (2025; DOI: 10.1136/bcr-2025-267441) (zurück)

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