Die schrecklichen alten Leute beim Hörakustiker

Liebe Kollegen bei hoergeraete-info.net,

Sie schreiben über Hörgeräte und Schwerhörige. Ich bin seit zwei Jahren ausgelernte Hörakustikerin. Bei Ihnen ist immer alles rosa. Dabei finde ich die Kundschaft in unserer Filiale grauenhaft.
Ja, Sie haben Recht: Es kommen paarmal auch jüngere Leute. Aber sonst? Was für Leute leiden denn in diesem Land an einer Hörminderung? Genau! Das sind in erster Linie fürchterliche alte Menschen. Das sollten Sie mal schreiben!
Wer den Beruf des Hörakustikers erlernen möchte, sollte sich bewusst machen, dass er den Rest seines Lebens tagtäglich rund 10 Stunden mit alten Leuten verbringen muss.

Alte Leute wären ja noch okay, aber das sind schwerhörige Alte!!! Da kommt einem eine Kundin mit 55 oder 60 geradezu als superjung vor!
Die allermeisten sind doch senil und trottelig. Die Alten sind meist seit Jahren alleine. Sie hören doch schon seit 20 Jahren nicht mehr vernünftig.
Ich finde, dass es sehr mühsam ist, mit solchen Leuten umzugehen. Die hören nicht nur schlecht, die wollen auch gar nicht zuhören.
Das was man als Sozialkompetenz bezeichnet, das haben die schon längst verlernt. Diese Alten sich egoistisch, alles dreht sich nur um sie und sie sind das Zentrum der Welt.
Die Hälfte hat doch sowieso Demenz, vergisst was man ihnen erklärt hat und stellen immer wieder dieselben Fragen.
Das sollten Sie mal schreiben, denn das ist die Wahrheit.

Haben wir hiermit getan. Jeder kann das jetzt lesen.

Beim Lesen Ihrer Zeilen denke ich an die vielen Menschen, die ein älteres Familienmitglied pflegen. Ich denke an die Ehefrauen, die demenzkranke Männer ganztägig umsorgen. Ich denke an das Pflegepersonal in Altenheimen, die trotz Zeitdruck und Personalknappheit doch Großartiges leisten. Ich denke an die vielen Angestellten, die sich in geriatrischen Abteilungen um die immer älter werdende Menschheit kümmern.

Alt werden möchten alle, alt sein will keiner. Dieses geflügelte Wort habe ich neulich erst hier verwendet.

Keiner der Menschen, die zum Hörakustiker kommen, ist als vergesslicher, renitenter alter Mensch geboren worden. Diese Menschen waren jung, schön, flink, flexibel und haben uns allen, die wir jünger sind, den Boden unter unseren Füßen überhaupt erst ermöglicht!
Der richtige Umgang mit alten Menschen muss von hohem Respekt vor deren Lebensleistung, von großem Verständnis für die Erscheinungen des Alters und höchstem Fingerspitzengefühl geprägt sein.

Wer das alles, gepaart mit Geduld, nicht aufbringen kann, ist in jedem Beruf, der mit älteren Menschen zu tun hat, vollkommen falsch untergebracht.

Ich lese aus Ihren Zeilen aber vor allem eine große Frustration heraus.

Und ich habe großes Verständnis dafür, dass Ihnen alte Leute manchmal einfach „auf den Sack gehen“. Kann ich alles verstehen. Alte Menschen können altersstarrsinnig sein. Sie können sich altersdumm stellen und oft erheben sie Ansprüche, da möchte man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Ein Hörakustiker muss sich natürlich nicht alles gefallen lassen. Sie können selbstverständlich mit der gebotenen Höflichkeit auf Unfreundlichkeiten reagieren und auch die Leute mit wohlgesetzten Worten wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Manchmal hilft auch nur eine klare Ansage und man muss dann schon mal deutlicher werden.

Aber letztendlich ist der Beruf des Hörakustikers nicht nur technisch-medizinisches Handwerk, sondern auch ein kaufmännischer Beruf.
Diese alten Menschen bezahlen Ihren Lohn und nähren Sie.
Die Berufsauffassung und der Umgang mit den Kunden muss auf das Klientel abgestimmt sein.

Wer mit alten Menschen und ihren Eigenheiten nicht klar kommt, der muss Computerspiele, Liquids in einem E-Zigaretten-Geschäft oder Smartphones verkaufen, da kommen vorwiegend jüngere Menschen hin.

Die Kunden ertragen zu können und trotzdem freundlich zu sein, das ist die Grundkompetenz jedes Verkäufers. Und Hörakustiker sind auch immer Verkäufer.

Bild (alte Frau) von OpenClipart-Vectors auf Pixabay

Bild (junger Mann) von Владимир Берзин auf Pixabay



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