Wer heute auf Kleinanzeigenportalen oder in Online-Auktionen nach „Hörhilfen“ sucht, stößt immer öfter auf erstaunliche Angebote: Geräte von Oticon, Phonak, KIND und anderen bekannten Namen – und Preise, die eher nach Hightech-Hörgerät als nach einfacher „Hörhilfe“ klingen. Viele Leserinnen und Leser fragen sich: Was ist das – und ist das seriös?
ansehen/verstecken
- Die Frage einer Leserin
- Unsere Antwort: Das sind meistens echte Hörgeräte – nur anders benannt
- Warum landen solche Geräte überhaupt im Netz?
- Warum steht dann „Hörhilfe“ in der Anzeige?
- Wichtiger Unterschied: Hörhilfe ist nicht gleich Hörgerät
- Einfache Hörhilfen / Hörverstärker (PSAP)
- Medizinische Hörgeräte
- Warum der Kauf gebrauchter Hörgeräte trotzdem meist keine gute Idee ist
- Hörgeräte müssen individuell eingestellt werden
- Im ungünstigen Fall kann falsche Verstärkung schaden
- Ohne Hörakustiker geht es nicht sinnvoll
- Zubehör, Sperren, Defekte, Hygiene: viele unbekannte Variablen
- Was ist sinnvoll, wenn man sparen muss?
- Fazit
- Bildquellen:
Die Irritation ist absolut nachvollziehbar – denn in der Alltagssprache wird vieles durcheinandergeworfen, was technisch, medizinisch und rechtlich sehr verschieden ist.
Unsere Antwort: Das sind meistens echte Hörgeräte – nur anders benannt
Kurz gesagt: In sehr vielen Fällen handelt es sich bei diesen Angeboten nicht um einfache Hörhilfen, sondern tatsächlich um medizinische Hörgeräte bekannter Hersteller. Die Bezeichnung „Hörhilfe“ dient dabei oft als eine Art Tarnbegriff.
Warum landen solche Geräte überhaupt im Netz?
Hörgeräte kosten neu – je nach Technik, Bauform und Zuzahlung – schnell mehrere tausend Euro pro Paar. Auch wenn Krankenkassen einen großen Teil übernehmen, bleibt bei vielen Versorgungen ein Eigenanteil übrig. Wenn solche Geräte dann nicht mehr genutzt werden, entsteht bei manchen der Gedanke: „Die sind doch zu schade zum Wegwerfen, die kann man verkaufen.“
Sehr häufig stammen solche Geräte aus einem Nachlass: Der Hörgeräteträger ist verstorben, Angehörige räumen die Wohnung und finden die Geräte samt Ladestation, Etui, Trockenbox oder Zubehör. Ein zweites typisches Szenario: Der Träger hat nach einigen Jahren eine neue Versorgung bekommen – etwa weil sich das Hörvermögen verändert hat, weil die Krankenkasse nach Ablauf der üblichen Nutzungsdauer neue Geräte bezuschusst oder weil man technisch aufrüsten wollte. Die alten Geräte liegen dann im Schrank und sollen „noch etwas einbringen“.
Warum steht dann „Hörhilfe“ in der Anzeige?
Viele Plattformen haben Regeln gegen bestimmte medizinische Produkte oder begrenzen den Verkauf von Hilfsmitteln, die als Medizinprodukte gelten. Auch wenn die Details je nach Plattform variieren, ist das Prinzip häufig ähnlich: Inhalte werden automatisiert geprüft (Stichworte, Kategorien, teils auch Bilderkennung), und bestimmte Begriffe können zur Sperre oder Löschung führen.
Einige Verkäufer umgehen das, indem sie bewusst weichere Begriffe verwenden, die von Filter-Algorithmen weniger zuverlässig erkannt werden: „Hörhilfe“ statt „Hörgerät“, „Soundverstärker“ statt „medizinisches Gerät“, „Ohrenverstärker“ statt „Hörsystem“, oder sie verzichten auf konkrete Modellnamen im Text und zeigen nur Fotos.
Das ist zwar ein typischer Plattform-Trick – aber es macht die Anzeige für Käufer nicht seriöser. Wer schon beim Begriff trickst, trickst möglicherweise auch bei Zustand, Herkunft oder Vollständigkeit.
Wichtiger Unterschied: Hörhilfe ist nicht gleich Hörgerät
Viele Missverständnisse entstehen, weil in der Umgangssprache oft alles „Hörhilfe“ genannt wird. Technisch ist der Unterschied aber gravierend.
Einfache Hörhilfen / Hörverstärker (PSAP)
Einfache Hörhilfen (auch als Hörverstärker bekannt) machen im Wesentlichen alles lauter. Sie sind nicht individuell angepasst und haben häufig einen eingeschränkten Klang, teils deutliches Eigenrauschen und kaum gezielte Unterstützung für Sprache. In bestimmten Situationen können sie kurzfristig helfen, ersetzen aber keine echte Versorgung.
Medizinische Hörgeräte
Medizinische Hörgeräte werden individuell auf das Hörprofil eingestellt. Sie verstärken je nach Frequenz sehr unterschiedlich, begrenzen zu laute Impulse, reduzieren Störlärm, nutzen Richtmikrofone und kontrollieren Rückkopplungen. Dazu kommen moderne Komfortfunktionen wie Streaming, Apps und Programme für verschiedene Hörsituationen.
Wenn also ein Gerät von Oticon oder Phonak in einer Anzeige auftaucht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es tatsächlich ein medizinisches Hörgerät ist – und der Preis passt dann auch eher ins Bild.
Warum der Kauf gebrauchter Hörgeräte trotzdem meist keine gute Idee ist
So verlockend es klingt: „Ich kaufe mir ein hochwertiges Gerät günstiger“ – in der Praxis gibt es mehrere massive Haken.
Hörgeräte müssen individuell eingestellt werden
Ein Hörgerät ist kein Kopfhörer. Es ist auf die Hörkurve des ursprünglichen Nutzers programmiert. Diese Einstellungen passen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu Ihrem eigenen Hörverlust. Das führt oft zu unangenehmem Klang, Überbetonung oder Unterdrückung bestimmter Frequenzen, schlechter Sprachverständlichkeit und schneller Ermüdung.
Im ungünstigen Fall kann falsche Verstärkung schaden
Wenn bestimmte Frequenzen zu stark verstärkt werden – oder wenn insgesamt zu laut gehört wird – kann das Gehör unnötig belastet werden. Gerade Menschen mit empfindlichem Innenohr profitieren nicht von „mehr Laut“, sondern von „richtig eingestellt“.
Ohne Hörakustiker geht es nicht sinnvoll
Selbst wenn das Gerät technisch in Ordnung ist, muss es angepasst, getestet und feinjustiert werden. Dafür braucht es passende Ohrstücke oder Otoplastiken, Programmierung mit Herstellersoftware, idealerweise Messungen am Ohr (Real-Ear) und Nachjustierung im Alltag. Das ist eine Dienstleistung, die Zeit kostet – und viele Akustiker sind verständlicherweise nicht begeistert, wenn sie an privat gekauften Gebrauchtgeräten „Fremdarbeit“ leisten sollen. Manche machen es, manche nur eingeschränkt, manche gar nicht – oder es wird teuer.
Zubehör, Sperren, Defekte, Hygiene: viele unbekannte Variablen
Bei Gebrauchtkauf ist oft unklar: Wie alt sind die Geräte wirklich? Sind sie vollständig (Ladegerät, Adapter, Hörer, Domes)? Gibt es Feuchtigkeitsschäden? Wurden sie professionell gereinigt? Sind Seriennummern registriert? Und stimmt überhaupt das Modell, das behauptet wird? Gerade bei Akkugeräten kommt hinzu: Der Akku kann nach einigen Jahren deutlich nachlassen – dann ist die vermeintliche Ersparnis schnell dahin.
Was ist sinnvoll, wenn man sparen muss?
Wenn es ums Budget geht, gibt es meist bessere Wege als einen Gebrauchtkauf auf Kleinanzeigenportalen: eine Versorgung mit Kassenleistung oder geringer Aufzahlung, seriöse Programme (wo verfügbar), Finanzierung über den Akustiker oder eine kluge Modellwahl. Die wichtigste Wahrheit bleibt: Ein mittelpreisiges Gerät, das gut eingestellt ist, hilft oft mehr als ein High-End-Gerät, das nicht zu Ihnen passt.
Fazit
Wenn auf Kleinanzeigenseiten „Hörhilfen“ von Oticon, Phonak oder KIND für 900 Euro und mehr angeboten werden, handelt es sich in vielen Fällen tatsächlich um medizinische Hörgeräte. Der Begriff „Hörhilfe“ wird häufig verwendet, um Plattformregeln oder automatische Filter zu umgehen.
Für Käufer gilt jedoch: Der Erwerb gebrauchter Hörgeräte ist fast immer problematisch. Ohne individuelle Anpassung können sie enttäuschen – oder im ungünstigen Fall sogar schaden. Und selbst wenn ein Akustiker die Geräte programmiert, ist das nicht immer einfach, nicht immer günstig und nicht immer möglich.
Wer besser hören möchte, sollte sich deshalb nicht von scheinbaren Schnäppchen locken lassen, sondern auf eine seriöse Versorgung setzen: richtig gemessen, richtig eingestellt, mit Nachsorge. Denn gutes Hören ist kein Auktionsartikel.
Bildquellen:
- Bildschirmfoto-2026-01-23-um-06.38.26_800x500: scr
Hashtags:
Ich habe zur besseren Orientierung noch einmal die wichtigsten Schlagwörter (Hashtags) dieses Artikels zusammengestellt:














