Wer zum ersten Mal Hörgeräte trägt, erlebt nicht nur seine Umwelt plötzlich anders – manchmal ist ausgerechnet die eigene Stimme das Geräusch, an das man sich am meisten gewöhnen muss.
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- Leserfrage
- Plötzlich hört man sich selbst wieder anders
- Der Tonband-Effekt – nur umgekehrt
- Wenn die Stimme im eigenen Kopf dröhnt
- Auch Kauen und Schlucken können plötzlich laut werden
- Gewöhnung oder falsche Einstellung?
- Was kann der Hörakustiker verändern?
- „Sie müssen sich eben daran gewöhnen“ reicht nicht immer
- Die eigene Stimme muss nicht wie früher klingen
- Häufige Fragen
Ja, das kommt bei neuen Hörgeräten ausgesprochen häufig vor. Trotzdem sollte man nicht jeden unangenehmen Klang der eigenen Stimme einfach mit dem Hinweis „Da müssen Sie sich dran gewöhnen“ abtun.
Denn hinter dem ungewohnten Höreindruck können zwei verschiedene Effekte stecken. An den einen muss sich das Gehirn tatsächlich erst wieder gewöhnen. Beim anderen kann und sollte der Hörakustiker gegebenenfalls technisch nachbessern.
Plötzlich hört man sich selbst wieder anders
Wir nehmen unsere eigene Stimme auf zwei Wegen wahr.
Ein Teil des Schalls gelangt beim Sprechen ganz normal durch die Luft in unsere Ohren. Gleichzeitig entstehen beim Sprechen aber auch Schwingungen im Schädel. Diese werden über Knochen und Gewebe zum Innenohr übertragen. Man spricht deshalb von Luftleitung und Knochenleitung.
Bei einem Menschen mit normalem Gehör vermischen sich beide Eindrücke. Das Gehirn kennt diese Mischung seit Jahrzehnten und erkennt sie als die eigene Stimme.
Bei einer Schwerhörigkeit verändert sich dieses Verhältnis. Bestimmte über die Luft übertragene Frequenzen werden immer schlechter wahrgenommen. Die über den eigenen Körper und die Knochen übertragenen Schwingungen bleiben dagegen vergleichsweise präsent.
Setzt man nun erstmals gut angepasste Hörgeräte ein, kommen plötzlich Schallanteile zurück, die das Gehirn möglicherweise seit Jahren nicht mehr in dieser Stärke wahrgenommen hat.
Und dann kann die eigene Stimme auf einmal überraschend fremd klingen.
Der Tonband-Effekt – nur umgekehrt
Fast jeder kennt den merkwürdigen Effekt, wenn er seine eigene Stimme auf einer Aufnahme hört.
„Was? So soll ich klingen?“
Das liegt nicht daran, dass das Aufnahmegerät die Stimme zwangsläufig schlecht aufgenommen hat. Andere Menschen kennen unsere Stimme tatsächlich viel eher so, wie sie auf einer guten Aufnahme klingt.
Wir selbst hören beim normalen Sprechen zusätzlich die über Knochen und Gewebe übertragenen Schwingungen. Bei einer Aufnahme, die wir anschließend über Lautsprecher oder Kopfhörer wiedergeben, fehlt dieser gewohnte Anteil. Deshalb erscheint uns die aufgenommene Stimme häufig dünner, höher oder einfach fremd.
Beim erstmaligen Tragen von Hörgeräten kann gewissermaßen der umgekehrte Effekt auftreten.
Wer aufgrund seiner Schwerhörigkeit bestimmte Luftschallanteile seiner eigenen Stimme lange nur eingeschränkt gehört hat, bekommt diese durch die Hörgeräte plötzlich wieder präsentiert.
Das Gehirn muss erst lernen: Ja, das bin tatsächlich ich.
Das ist ein echter Gewöhnungsprozess und zunächst kein Grund zur Sorge.
Wenn die Stimme im eigenen Kopf dröhnt
Es gibt allerdings noch einen zweiten Effekt, der von diesem Gewöhnungsprozess unterschieden werden muss: den sogenannten Okklusionseffekt.
„Okklusion“ bedeutet in diesem Zusammenhang schlicht Verschluss.
Wird der Gehörgang durch eine Otoplastik, ein Im-Ohr-Hörgerät oder ein relativ dicht sitzendes Schirmchen weitgehend verschlossen, können insbesondere tieffrequente Schallanteile, die beim Sprechen über Knochen und Gewebe in den Gehörgang gelangen, nicht mehr so gut nach außen entweichen.
Dadurch werden sie im verschlossenen Gehörgang stärker wahrgenommen.
Das Ergebnis kennen wir alle in einer einfachen Form: Halte dir einmal die Ohren zu und sprich dabei. Die eigene Stimme wirkt plötzlich erheblich lauter, dumpfer und dröhnender.
Ähnlich kann es bei einer zu geschlossenen Hörgeräteversorgung klingen.
Betroffene beschreiben ihre Stimme dann beispielsweise als hohl, dröhnend, dumpf oder unangenehm laut. Manche sagen, sie hätten das Gefühl, in einem Fass oder Eimer zu sprechen.
Das ist der klassische Okklusionseffekt.
Auch Kauen und Schlucken können plötzlich laut werden
Der gleiche Mechanismus erklärt, warum manche neue Hörgeräteträger nicht nur ihre Stimme störend wahrnehmen.
Plötzlich scheint auch das Kauen unglaublich laut zu sein. Das Knacken eines Brötchens kann sich beinahe anhören, als würde unmittelbar neben dem Ohr jemand Holz zerbrechen. Auch Schlucken, Räuspern oder andere körpereigene Geräusche können stärker auffallen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass mit dem Hörgerät etwas nicht stimmt. Gerade zu Beginn achtet das Gehirn außerdem auf Geräusche, die es später wieder als unwichtig aussortiert.
Bei einer stark geschlossenen Versorgung kann der Okklusionseffekt solche Wahrnehmungen aber zusätzlich verstärken.
Gewöhnung oder falsche Einstellung?
Das ist die entscheidende Frage.
Wenn die eigene Stimme lediglich ungewohnt anders klingt, kann Geduld tatsächlich die richtige Medizin sein. Das Gehirn muss sich an die neue Klangwelt gewöhnen.
Das geschieht nicht innerhalb von zwei Stunden.
Nach einigen Tagen wird vieles bereits selbstverständlicher, und über die folgenden Wochen sortiert das Gehirn immer besser, welche Geräusche wichtig sind und welche es in den Hintergrund schieben kann. Dazu gehört auch die Wahrnehmung der eigenen Stimme.
Deshalb ist es wichtig, neue Hörgeräte möglichst konsequent zu tragen. Wer sie immer wieder für längere Zeit herausnimmt, sobald etwas ungewohnt klingt, erschwert seinem Gehirn diese Anpassungsleistung.
Ein ausgeprägtes Dröhnen oder starkes Verschlussgefühl sollte man dagegen nicht wochenlang tapfer ertragen.
Hier kann der Hörakustiker häufig helfen.
Was kann der Hörakustiker verändern?
Je nach Hörverlust und verwendeter Hörgeräteversorgung gibt es verschiedene Möglichkeiten.
Bei einer Otoplastik kann beispielsweise eine Belüftungsbohrung, auch Vent genannt, den Okklusionseffekt reduzieren. Durch sie entsteht eine Verbindung zwischen dem Gehörgang und der Außenwelt.
Bei Hörgeräten mit Schirmchen kann möglicherweise eine offenere Variante verwendet werden. Auch Änderungen an der akustischen Anpassung und der Verstärkung können sinnvoll sein.
Welche Lösung geeignet ist, hängt allerdings stark vom individuellen Hörverlust ab.
Denn eine möglichst offene Versorgung ist nicht automatisch eine möglichst gute Versorgung. Bei stärkeren Hörverlusten benötigt das Hörgerät unter Umständen einen weitgehend geschlossenen Gehörgang, damit genügend Verstärkung erzielt werden kann und der verstärkte Schall nicht wieder nach außen gelangt und Rückkopplungen verursacht.
Es geht deshalb immer um einen Kompromiss zwischen Offenheit, Klangkomfort, notwendiger Verstärkung und Rückkopplungssicherheit.
Genau deshalb gehört diese Optimierung in die Hände eines erfahrenen Hörakustikers.
„Sie müssen sich eben daran gewöhnen“ reicht nicht immer
Die Eingewöhnung an Hörgeräte ist wichtig. Dieser Satz darf aber nicht zur Universalantwort auf jedes Problem werden.
Wenn ein neuer Hörgeräteträger sagt, seine Stimme klinge lediglich anders als früher, kann Gewöhnung tatsächlich einen großen Teil des Problems lösen.
Sagt er dagegen: „Meine Stimme dröhnt unerträglich in meinem Kopf und ich habe ständig das Gefühl, meine Ohren seien verstopft“, sollte der Hörakustiker genauer hinsehen.
Manchmal lässt sich schon mit einer vergleichsweise kleinen Änderung eine erhebliche Verbesserung erzielen.
Gerade deshalb sind die Kontroll- und Nachsorgetermine während der Anpassungsphase so wichtig. Hörgeräte werden nicht einfach übergeben und sind damit fertig angepasst. Die Erfahrungen aus dem wirklichen Alltag liefern wertvolle Informationen für die Feinabstimmung.
Die eigene Stimme muss nicht wie früher klingen
Dabei sollte man sich allerdings von einer Vorstellung verabschieden: Neue Hörgeräte müssen nicht zwangsläufig dazu führen, dass die eigene Stimme exakt so klingt wie ohne Hörgeräte.
Das wäre sogar ein merkwürdiges Ziel.
Schließlich soll das Hörgerät gerade diejenigen Schallanteile wieder hörbar machen, die aufgrund des Hörverlusts nicht mehr ausreichend wahrgenommen wurden. Damit verändert sich zwangsläufig auch die Wahrnehmung der eigenen Stimme.
Entscheidend ist vielmehr, dass sie nach der Eingewöhnung natürlich und angenehm wirkt und nicht dauerhaft stört.
Nach einiger Zeit geschieht dann etwas Bemerkenswertes: Das Gehirn akzeptiert den neuen Klang als normal. Viele Hörgeräteträger denken schließlich überhaupt nicht mehr darüber nach, wie ihre eigene Stimme mit Hörgeräten klingt.
Sie klingt einfach wieder nach ihnen selbst.
Wer sich grundsätzlich mit der Eingewöhnung und dem richtigen Umgang mit neuen Hörgeräten beschäftigt, findet dazu weitere ausführliche Hinweise in meinem Ratgeber **„Hörgerät – Was nun?“**
Häufige Fragen
Wie lange dauert es, bis meine eigene Stimme wieder normal klingt?
Das ist individuell verschieden. Manche gewöhnen sich innerhalb weniger Tage daran, bei anderen dauert es einige Wochen. Konsequentes Tragen der Hörgeräte unterstützt die Gewöhnung. Ein starkes Dröhnen oder ausgeprägtes Verschlussgefühl sollte allerdings nicht einfach wochenlang ertragen, sondern beim Hörakustiker angesprochen werden.
Warum höre ich mich beim Kauen plötzlich so laut?
Auch Kau-, Schluck- und andere Körpergeräusche werden teilweise über Knochen und Gewebe übertragen. Bei einer geschlossenen Hörgeräteversorgung können diese Geräusche durch den Okklusionseffekt stärker wahrgenommen werden. Ein Teil davon verliert durch Gewöhnung an Bedeutung; bei ausgeprägten Beschwerden kann der Hörakustiker die Versorgung überprüfen.
Kann der Hörakustiker etwas gegen den Okklusionseffekt tun?
Häufig ja. Je nach Hörverlust und Hörgerät kommen beispielsweise eine Belüftungsbohrung in der Otoplastik, ein anderes Schirmchen, eine offenere Versorgung oder Änderungen der akustischen Einstellung infrage.
Soll ich die Hörgeräte herausnehmen, wenn mich meine Stimme stört?
Nicht ständig. Gerade für die Eingewöhnung ist regelmäßiges und möglichst konsequentes Tragen wichtig. Ist der Höreindruck jedoch ausgesprochen unangenehm oder dröhnt die Stimme stark, sollte die Ursache vom Hörakustiker überprüft werden.
Kann ich selbst etwas am Hörgerät einstellen?
Lautstärke oder Hörprogramme lassen sich bei vielen modernen Hörgeräten in gewissen Grenzen selbst bedienen. Die grundlegende akustische Anpassung, Belüftung und Einstellung sollte jedoch der Hörakustiker vornehmen. Insbesondere an Otoplastiken sollte man nicht selbst bohren, feilen oder andere Veränderungen vornehmen.
Ist eine offene Versorgung grundsätzlich besser?
Nein. Sie kann den Okklusionseffekt deutlich reduzieren und sich sehr natürlich anfühlen, ist aber nicht für jeden Hörverlust geeignet. Bei stärkerem Verstärkungsbedarf kann eine geschlossenere Versorgung notwendig sein. Entscheidend ist die individuell passende Lösung.














