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Muss ich viele Hörgeräte testen?

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Muss ich viele Hörgeräte testen? In Foren und Laienportalen wird das immer wieder behauptet. Viele Menschen sind nach der Diagnose Schwerhörigkeit verunsichert und stoßen im Internet auf widersprüchliche Ratschläge – dieser Artikel soll helfen, Ordnung in das Thema Hörgeräteauswahl zu bringen und unnötige Umwege zu vermeiden.

Hallo,
ich bin der neue Schwerhörige hier. Darf ich mich vorstellen?
Ich bin Georg und 56 Jahre alt. Schlecht gehört habe ich schon immer. Schon als Kind sagte meine Mutter immer, ich würde schlecht hören (LACH).
Aber im Ernst: Vor drei Wochen hat mich der Hausarzt zum Ohrenarzt geschickt und von dem hab ich die Diagnose gekriegt: SCHWERHÖRIG.

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Wie man das heute so macht, habe ich angefangen im Internet zu recherchieren. Ich habe reddits gelesen, bei Gute-Frage-Netz gefragt und mich in einem Schwerhörigen-Gruppenforum angemeldet.

Überall heißt es freundlich: Herzlich willkommen, mach Dich auf was gefasst. Du musst jetzt ganz viele Hörgeräte testen. Die Testphase dauert bestimmt über ein Jahr, bevor Du Dich entscheiden kannst. Mindestens 10, 20 oder gar 30 Geräte solltest Du vergleichen und Probetragen.

Ich bin Ingenieur, wenn auch aus einem ganz anderen Bereich (Maschinenbau), und kenne Innovationszyklen, Planungsphasen und Abläufe.
Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass das Aussuchen eines Hörgeräts ein Jahr dauern könnte. Ich meine: Das sind Hörgeräte, die von einem Akustiker angepasst werden. Das kann doch nicht so lange dauern!

Ich glaube nicht, dass die Leute, die mir das empfehlen, vor der Anschaffung eines neuen PKW 10, 20 oder 30 Modelle Probefahren.

Bitte sagen Sie mir, was Sache ist. Ich frage mich, muss ich viele Hörgeräte testen?

Vielen Herzlichen Dank
Georg H. (56), Baunatal

Hallo Herr H.,

zunächst einmal: Willkommen im Club der Hörgeräteträger – auch wenn man sich diesen „Club“ natürlich nicht freiwillig aussucht. Sie sind mit Ihrer Geschichte alles andere als allein. Sehr viele Menschen hören über Jahre hinweg schlechter, ohne es wirklich einordnen zu können.

Kommen wir gleich zum Kern Ihrer Frage:
Nein, die Suche nach dem passenden Hörgerät muss und sollte in aller Regel kein Jahresprojekt sein. Sie müssen nicht 10, 20 oder gar 30 Geräte ausprobieren, um am Ende ein brauchbares Ergebnis zu bekommen.

Der entscheidende Punkt ist ein anderer:
Man testet so viele Hörgeräte, bis man das richtige gefunden hat. Das kann theoretisch schon das erste sein.

Fangen Sie mit dem Kassenhörgerät an

Ein sinnvoller Startpunkt: das zuzahlungsfreie Kassenhörgerät

Ich empfehle fast immer, ganz bewusst mit einem zuzahlungsfreien Kassenhörgerät zu beginnen. Und zwar mit einer klaren Ansage an den Hörakustiker:

„Ich möchte zunächst ausschließlich ein zuzahlungsfreies Hörgerät testen.“

Das ist kein Geiz, sondern kluge Systematik.

Moderne Kassenhörgeräte sind heute keineswegs primitive Verstärkerklötze. In den allermeisten Fällen lassen sich damit bereits sehr gute bis sehr gute Ergebnisse erzielen – auch bei Menschen mit anspruchsvollen Hörsituationen.

Wenn ein solches Gerät Ihr Sprachverstehen deutlich verbessert, ist das bereits ein Volltreffer.

Vorsicht bei „abschreckenden“ Vorführgeräten

Wer sich fragt: Muss ich viele Hörgeräte testen?, sollte wissen, dass der Eindruck beim ersten Probetragen stark davon abhängt, welches Gerät einem überhaupt vorgelegt wird. Leider gibt es Akustiker, die Kunden gezielt ein besonders großes, optisch wenig ansprechendes oder schlecht eingestelltes Kassenhörgerät in die Hand drücken – nach dem Motto: „Sehen Sie, das ist Kasse, das will doch keiner.“

In solchen Situationen entsteht schnell der falsche Eindruck, dass man zwangsläufig viele Hörgeräte testen müsse, um überhaupt zu einem brauchbaren Ergebnis zu kommen. Tatsächlich liegt das Problem dann aber nicht am Prinzip des Probetragens, sondern an der bewussten Vorauswahl.

Mir wurde bei einem ersten Hörakustiker-Kontakt zunächst ein sehr kleines Hörgerät mit hoher Zuzahlung präsentiert. Danach zog der Akustiker ein angebliches Kassenhörgerät hervor, das riesig war, fleischfarben, mit dickem Schlauch und einer unproportional großen Otoplastik. Wer so etwas sieht, stellt sich automatisch die Frage: Muss ich viele Hörgeräte testen, bis endlich etwas Vernünftiges dabei ist?

Derartig manipuliert dreht sich das Gespräch dann schnell nur noch um zuzahlungspflichtige Modelle, steigende Preise und Zusatzfunktionen. Über Klang, Sprachverstehen, Anpassung oder Hörkomfort wird kaum gesprochen. Das ist kein fairer Umgang.

Wichtig zu wissen: Ein modernes Kassenhörgerät ist heute relativ klein, digital, technisch zeitgemäß und leistungsfähig. In sehr vielen Fällen lassen sich damit bereits hervorragende Ergebnisse erzielen. Wer also überlegt, ob er viele Hörgeräte testen muss, sollte zunächst darauf achten, überhaupt ein aktuelles Kassenmodell in die Hand zu bekommen.

Wird Ihnen stattdessen ein klobiges oder offensichtlich veraltetes Gerät präsentiert, lohnt sich eine kurze Internetrecherche oder eine Nachfrage bei einem anderen Akustiker – oder gerne auch bei uns. So lässt sich schnell klären, ob es sich um ein modernes Hörgerät handelt oder um einen Ladenhüter. Häufig erledigt sich damit auch die Sorge: Muss ich viele Hörgeräte testen?

Muss ich viele Hörgeräte testen?
Muss ich viele Hörgeräte testen? Nein.

Warum man nicht 30 Geräte testen muss

Sie haben völlig recht mit Ihrem Vergleich aus dem Maschinenbau:
Technische Produkte werden entwickelt, validiert und in klaren Modellreihen angeboten. Innerhalb einer Generation unterscheiden sich Geräte oft eher in Ausstattungstiefe, nicht in grundsätzlicher Funktionsweise.

Auch bei Hörgeräten gilt: Ein Hersteller bietet pro Plattform mehrere Leistungsstufen. Die Grundcharakteristik bleibt gleich. Unterschiede liegen meist in Zusatzfunktionen, Komfortmerkmalen und Automatikstufen.

Wenn Sie also beispielsweise mit einem bestimmten Gerätetyp gut hören, bedeutet das nicht automatisch, dass Sie 15 weitere Modelle testen müssen. Oft reicht es, innerhalb einer Plattform zwischen zwei Leistungsstufen zu vergleichen.

Die Frage lautet also im Grunde nicht: „Muss ich viele Hörgeräte testen?“ sondern: „Welche Hörgeräte soll ich testen?“
Und da gilt: So viele, wie nötig, aber so wenig, wie möglich. Alles andere verwirrt nur und führt genau zu dem, was wenig zielführend ist. Sie werden eine von den Personen, die ein Jahr lang 20 oder 30 Geräte ausprobiert und am Ende immer noch nicht weiß, was sie nehmen soll.

Der zweitwichtigste Faktor ist nicht das Gerät – sondern die Anpassung

Ein mittelmäßiges Hörgerät mit sehr guter Anpassung schlägt fast immer ein High-End-Gerät mit schlechter Anpassung.

Achten Sie daher stärker auf:

  • Geduld des Akustikers
  • saubere Messungen
  • Feinjustierungen
  • Rückfragen zu Ihren Höreindrücken

Wenn Ihr Akustiker bereit ist, mehrfach nachzujustieren und Ihre Rückmeldungen ernst nimmt, sind Sie auf einem guten Weg.

Schrittweise vorgehen statt alles auf einmal

Ein bewährter Weg sieht so aus:

  1. Zuzahlungsfreies Kassenhörgerät testen
  2. Alltagssituationen sammeln (Gespräche, Fernsehen, Telefon, Straße)
  3. Feinjustierung
  4. Prüfen: Reicht mir das?

Erst wenn klar wird, dass bestimmte Situationen damit nicht zufriedenstellend lösbar sind, lohnt sich der Blick auf ein zuzahlungspflichtiges Modell.

Nicht umgekehrt.

Wichtigste Faktoren: Gewöhnung und Geduld

Ich predige es seit Jahrzehnten. Das Wichtigste ist die Geduld bei der Gewöhnung an die Hörgeräte. Am Anfang klingt alles fremd, anders und ungewohnt. Vieles ist plötzlich zu laut. Man kann Sprache nicht sofort glasklar heraushören, obwohl die Hersteller das versprechen. Die Hörgeräte nerven.

Das ist aber völlig normal! Geben Sie sich drei, vier Wochen Zeit und stehen Sie die Eingewöhnungsphase geduldig durch. Tragen Sie die Hörgeräte vom Aufstehen bis zum Zubettgehen und zwar jeden Tag.
Rennen Sie anfangs nicht wegen jedem kleinen Unbehagen zum Hörakustiker. Denken Sie an meine Worte: Alles, was Ihnen am Anfang nervig und fremd vorkommt, ist nach einigen Wochen völlig verschwunden.

Realistische Zeitdimension

In vielen Fällen lässt sich innerhalb von vier bis acht Wochen eine sehr tragfähige Entscheidung treffen. Manche sind sogar schneller fertig. Ein Jahr Testphase ist die absolute Ausnahme und meist ein Zeichen für fehlende Struktur im Anpassprozess. Es gibt aber auch Leute, die aus dem Thema eine Art Hobby machen und letztlich damit den Hörakustikern auch fürchterlich auf den Senkel gehen können. Seien Sie nicht so eine Person.
Gehen Sie zum Hörakustiker, so oft es notwendig ist, dafür ist er da. Aber machen Sie aus der Hörgeräteanpassung keine Vollbeschäftigung für sich und andere.

Ihr Vorteil als Ingenieur

Sie bringen eine große Stärke mit: analytisches Denken.

Nutzen Sie das. Führen Sie ein Hörtagebuch. Notieren Sie Situationen, die gut funktionieren und solche, die problematisch sind. Beschreiben Sie konkret, was stört. Legen Sie dann Ihre Aufzeichnungen dem Akustiker vor.
Das hilft dem Akustiker enorm und beschleunigt den Prozess deutlich.

Frage: Muss ich viele Hörgeräte testen? Kurz gesagt: NEIN

  • Sie brauchen keine Odyssee.
  • Sie brauchen kein Dutzend Geräte.
  • Sie brauchen ein strukturiertes Vorgehen.

Beginnen Sie mit einem modernen Kassenhörgerät, bestehen Sie auf ordentlicher Anpassung und gehen Sie Schritt für Schritt weiter.

Sehr oft lautet das Ergebnis am Ende:
„Das reicht mir völlig.“

Und wenn nicht, weiß man wenigstens genau, warum man mehr möchte.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in diese neue Lebensphase. Hörgeräte sind kein Rückschritt – sie sind ein Werkzeug, um Lebensqualität zurückzugewinnen.

Häufige Fragen: Muss ich viele Hörgeräte testen?

Muss ich viele Hörgeräte testen, um das richtige Modell zu finden?

Nein. Sie müssen nicht zwangsläufig viele Hörgeräte testen. Ziel ist nicht die Anzahl der Testgeräte, sondern ein gutes Hörergebnis. In vielen Fällen liefert bereits das erste oder zweite getestete Hörgerät ein sehr zufriedenstellendes Ergebnis, sofern die Anpassung sorgfältig erfolgt.

Wie viele Hörgeräte sollte man realistisch ausprobieren?

Für die meisten Menschen reichen ein bis drei Hörgeräte aus. Entscheidend ist, dass jedes getestete Gerät korrekt angepasst wird und im Alltag erprobt werden kann. Wer systematisch vorgeht, muss keine langen Testmarathons absolvieren.

Sollte ich mit einem Kassenhörgerät beginnen?

Ja. Es ist sinnvoll, zunächst ein zuzahlungsfreies Kassenhörgerät zu testen. Moderne Kassenhörgeräte sind leistungsfähig und liefern häufig sehr gute Ergebnisse. Erst wenn damit bestimmte Hörsituationen nicht zufriedenstellend gelöst werden können, lohnt sich der Blick auf zuzahlungspflichtige Modelle.

Warum berichten manche, sie hätten 20 oder mehr Hörgeräte getestet?

Oft liegt das an fehlender Struktur im Anpassprozess oder an häufigem Wechsel zwischen unterschiedlichen Akustikern und Geräteplattformen. Ein klarer Plan reduziert die Zahl der nötigen Tests erheblich.

Wie lange dauert die Hörgeräte-Testphase normalerweise?

In vielen Fällen lässt sich innerhalb von vier bis acht Wochen eine fundierte Entscheidung treffen. Eine einjährige Testphase ist die Ausnahme und in der Regel nicht notwendig.

Was ist wichtiger: das Hörgerät oder die Anpassung?

Die Qualität der Anpassung ist wichtiger als das konkrete Modell. Ein gut eingestelltes Mittelklassegerät kann bessere Ergebnisse liefern als ein High-End-Gerät mit schlechter Anpassung.

Woran erkenne ich, ob ich ein anderes Hörgerät testen sollte?

Wenn trotz mehrfacher Feinjustierung Sprachverstehen, Hörkomfort oder bestimmte Alltagssituationen dauerhaft unbefriedigend bleiben, kann ein weiteres Modell sinnvoll sein. Nicht aus Neugier, sondern aus konkretem Bedarf.

Kann ich das erste Hörgerät direkt behalten, wenn es gut funktioniert?

Ja. Wenn Sie mit dem ersten getesteten Hörgerät gut hören und sich wohlfühlen, gibt es keinen Grund, weitere Modelle zu testen.

Bildquellen:

  • muss-ich-viele-hoergeraete-testen_800x500: Peter Wilhelm KI

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