Richtig angepasste Hörgeräte werden mit maßgefertigten Otoplastiken versehen. Es gibt aber gute Gründe, weshalb viele die kleinen und günstigeren Schirmchen aus Gummi oder Silikon bevorzugen. Sie müssen regelmäßig ausgetauscht werden. Dabei ist ein Leser auf eine vermeintliche Betrugsmasche gestoßen.
Was Sie da beschreiben, das ist ganz normales kaufmännisches Verhalten und unserer Meinung nach keinesfalls der Beweis für irgendetwas. Zwischen „sieht anders aus“ und „der Akustiker betrügt“ liegt ungefähr so viel Strecke wie zwischen „mein Auto hat andere Reifen als im Prospekt“ und „die Werkstatt betreibt organisierte Abzocke“. Im Moment haben Sie eine Vermutung. Mehr nicht. Und das ist der entscheidende Punkt.
Vor allem: Sie haben die Vermutung offenbar noch nicht einmal dort geprüft, wo es am einfachsten wäre. Der naheliegende Schritt wäre, den Hörakustiker direkt anzusprechen. Nicht im Internet raunen, nicht in Foren streuen, nicht in Gesprächsrunden „mal erzählen“, sondern dort nachfragen, wo sich die Sache in zwei Minuten klären lässt. Wer jemandem Betrug unterstellt, sollte wenigstens die Minimalregel einhalten: erst fragen, dann urteilen. Alles andere ist eher Bauchgefühl als Sachverstand.
Nun zur fachlichen Seite: Es gibt unzählige Hersteller und Varianten von Schirmchen, Domes, Aufsätzen und Ohrstücken. Diese unterscheiden sich in Form, Größe, Material, Wandstärke, Belüftung und Sitz. Es ist im Alltag durchaus üblich, dass Hörakustiker nicht ausschließlich Aufsätze des Hörgeräteherstellers verwenden. Viele Betriebe nutzen Alternativprodukte, weil sie gut sitzen, angenehm zu tragen sind, akustisch passen, stabil liefern lassen und preislich sinnvoll sind. Das ist nicht „tricksen“, sondern in vielen Fällen schlicht praxisnah und eine kaufmännische und handwerkliche Selbstverständlichkeit.
Natürlich ist es so: Wenn Sie ausdrücklich SIGNIA-Schirmchen bestellt haben, der Hörakustiker Ihnen auch angeblich SIGNIA-Schirmchen geliefert haben will, und Sie dann feststellen, dass das keine Schirmchen/Domes von Signia sind, dann ist das nicht in Ordnung. Aber auch hier wäre das Gespräch mit dem Hörakustiker der erste korrekte Schritt gewesen. Vielleicht sind die Schirmchen am Ende dann doch anders aussehende Schirmchen von Signia oder es gibt gute Gründe, diese zu verwenden.
Infokasten: Warum sich ein „Schirmchen-Betrug“ schon rein rechnerisch nicht lohnt
Der Vorwurf, Hörakustiker würden durch den Einsatz angeblich günstigerer Schirmchen systematisch zusätzliche Gewinne erzielen, hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand. Selbst wenn man unterstellt, ein Akustiker würde pro Schirmchen ein paar Euro Differenz erzielen, bleibt der Effekt wirtschaftlich vollkommen unbedeutend.
Schirmchen sind Massenverbrauchsartikel mit sehr niedrigen Einzelpreisen. Selbst bei großzügig gerechneten Preisunterschieden von zwei bis drei Euro pro Stück müsste ein einzelner Betrieb zehntausende, wenn nicht hunderttausende Schirmchen pro Jahr „umetikettieren“, um überhaupt in einen fünfstelligen Zusatzumsatz zu kommen. Das ist im normalen Praxisbetrieb schlicht unrealistisch.
Selbst große Hörakustik-Ketten, die über das Jahr hinweg tausende Kundinnen und Kunden versorgen, kämen bei solchen Kleinteilen nicht auf Beträge, bei denen von einem relevanten Betrugsmodell gesprochen werden könnte. Von einem „Millionengeschäft“ ganz zu schweigen. Wer ernsthaft glaubt, ein Hörakustiker finanziere sich durch Domes und Schirmchen ein luxuriöses Zusatzleben, unterschätzt sowohl die Mathematik als auch die Realität des Berufsalltags.
Die ironisch in Internetforen immer wieder beschworene „Hörakustiker-Mafia“, die angeblich im Verborgenen mit Gummi- und Silikonaufsätzen Reichtümer anhäuft, gehört damit eher in den Bereich der satirischen Folklore als in die Welt belastbarer Fakten. Hörakustiker verdienen ihr Geld – transparent und nachvollziehbar – mit Anpassung, Beratung, Service, Nachsorge und Fachwissen, nicht mit Cent-Artikeln aus der Verbrauchsschublade.
Fazit: Wer bei Schirmchen an systematischen Betrug denkt, sollte weniger auf Verschwörungserzählungen hören und stattdessen einmal den Taschenrechner bemühen.
Denn selbst wenn die Schirmchen anders aussehen, kann es trotzdem Originalware sein. Hersteller ändern im Laufe der Zeit Verpackungen, Chargen, Materialmischungen oder kleine Details an der Form. Außerdem vergleichen viele Kunden unbewusst unterschiedliche Typen: offen gegen geschlossen, stärker belüftet gegen stärker abdichtend, verschiedene Größen oder Ausführungen für andere Lautsprecherstärken. Ebenso möglich ist, dass der Akustiker in der Anpassphase bewusst einen anderen Aufsatz gewählt hat, weil damit Rückkopplungen besser kontrolliert werden, mehr Bass möglich ist oder Sprache in Störgeräuschen besser verständlich bleibt. Das ist dann kein „Austausch“, sondern Teil einer fachlichen Optimierung.
Wichtig ist auch: Selbst wenn ein Drittanbieter-Schirmchen im Einsatz wäre, ist das nicht automatisch unseriös. Es steht nirgendwo geschrieben, dass nur Signia-Schirmchen gut genug oder besser als andere wären. Das wäre technisch betrachtet sogar Unsinn. Entscheidend sind Sitz, Dichtheit, Tragekomfort, Hygiene, Haltbarkeit und die akustische Wirkung. Ein Markenlogo macht einen Gummiaufsatz nicht automatisch hochwertiger.
Was Sie jetzt tun sollten, ist denkbar einfach: Nehmen Sie beide Varianten mit zum Hörakustiker, zeigen Sie sie und fragen Sie freundlich nach. Seriöse Betriebe können genau erklären, welche Aufsätze verwendet wurden und warum. Und falls tatsächlich eine Abweichung vorliegt, lässt sich das sauber klären – inklusive transparenter Preis- und Produktinformation. So geht Aufklärung. Nicht über Verdächtigungen, sondern über eine sachliche Nachfrage.
Ihre Beobachtung kann richtig sein. Der voreilige Betrugsvorwurf ist es nicht. Erst nachfragen, dann bewerten – alles andere ist vor allem eins: unnötig.
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- betrueger: Peter Wilhelm
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