Im Internet und auf Verkaufsplattformen werden zunehmend kleine, aufladbare „Hörgeräte“ beworben, die versprechen, unauffällig, günstig und einfach das Hörproblem zu lösen – doch ein Blick auf die technischen Daten zeigt schnell, dass zwischen Marketing und tatsächlichem Nutzen oft eine erhebliche Lücke klafft.
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Ganz herzlichen Dank für Ihre Zuschrift.
Anders, als Sie es meinen, haben wir hier schon häufiger über solche vermeintlich günstigen Alternativen zu medizinischen Hörgeräten berichtet.
Empfehlen können wir sie grundsätzlich nicht, da es sich nicht um Hörgeräte im medizinischen Sinne, sondern um einfache Hörverstärker handelt. Solche Geräte sind für Schwerhörige nicht geeignet.

Ich bewerte den von Ihnen genannten Hörverstärker XceeFit 1-TWS einmal rein technisch und ordne die Daten so ein, wie man es aus audiologischer Sicht tun würde – also unabhängig von Marketingbegriffen wie „Hörgerät“, „unsichtbar“ oder „für Gehörlose“.
Einordnung vorab
Bei dem beschriebenen Produkt handelt es sich nach den technischen Angaben nicht um ein Hörgerät im medizinischen Sinn, sondern um einen einfachen Hörverstärker (PSAP – Personal Sound Amplification Product).
Solche Geräte sind in der Regel nicht individuell anpassbar, haben keine gezielte Frequenzselektion, keine echte Hörkurven-Anpassung, keine wirksame Störlärmunterdrückung, keine ausgereifte Rückkopplungssteuerung und sind nicht für eine relevante Schwerhörigkeit gedacht. Sie verstärken im Wesentlichen „alles irgendwie“.
Technische Bewertung der Daten
Im Netz habe ich die technischen Daten des Geräts gefunden. Ich bewerte sie wie folgt:
1. Spitzenverstärkung: 32 dB / HAF/FOG: 29 dB
Das ist eher wenig. Als grobe Orientierung: Eine leichte Schwerhörigkeit liegt oft im Bereich von etwa 20–40 dB Hörverlust, mittlere Schwerhörigkeit eher bei 40–60 dB. Moderne Hörgeräte können – je nach Bauform – deutlich mehr Verstärkung bereitstellen, zudem frequenzabhängig, geregelt und begrenzt.
32 dB Peak bedeutet: Das Gerät kann höchstens bei sehr leichter Hörminderung oder bei normalem Gehör als „Lauschhilfe“ einen Effekt haben. Für ernsthafte Hörprobleme ist das unterdimensioniert.
2. Frequenzbereich: 300–3500 Hz
Das ist stark eingeschränkt. Für Sprache sind zwar mittlere Frequenzen wichtig, aber gerade die hohen Frequenzen (Zischlaute wie s, sch, f, t) liegen typischerweise oberhalb von 3500 Hz. Viele typische Altersschwerhörigkeiten betreffen genau diese hohen Frequenzen.
Wenn der Hochtonbereich fehlt, entsteht häufig ein dumpfer Klang: Stimmen werden lauter, aber nicht klarer. Das führt oft zu schlechterem Sprachverständnis trotz höherer Lautstärke – ein typisches Problem einfacher Verstärker.
Nochmals deutlicher: Altersschwerhörigkeit
Die allermeisten Personen, die im Alter eine Schwerhörigkeit entwickeln, haben eine sogenannte Presbyakusis, eine Altersschwerhörigkeit. Bei dieser Art der Schwerhörigkeit, die die Folge verschiedenster negativer Hörerlebnisse über das ganze Leben hinweg ist, ist der sogenannte Hochtonsteilabfall besonders typisch. Das bedeutet: Im Audiogramm des HNO-Arztes oder Hörakustikers fällt die Kurve bei den hohen Tönen steil ab. Der Betroffene hört also insbesondere die höheren Frequenzen nur noch eingeschränkt. Das heißt, dass er zwar noch von der Lautstärke her sehr gut hört, aber aufgrund der nicht ausreichend gehörten hohen Frequenzen nicht mehr richtig verstehen kann, was gesprochen wird.
Da das Gehörte nicht leiser klingt, meinen viele Betroffene sehr lange, die anderen würden undeutlich sprechen, und schieben deshalb den Besuch beim HNO-Arzt oder Hörakustiker lange auf.
3. Äquivalentes Eingangsrauschen (EIN): 25 dB
Das ist ungünstig. Gute Hörgeräte liegen häufig deutlich niedriger. Ein EIN von 25 dB kann bedeuten, dass ein deutliches Eigenrauschen (z. B. „Zischen“) hörbar ist, besonders in ruhiger Umgebung. Das empfinden viele Nutzer als störend und ermüdend.
Auch medizinische Hörgeräte haben ein Eigenrauschen. Jedoch ist dieses so gering und wird auch durch die Elektronik herausgerechnet und unterdrückt, dass unser Gehirn in der Lage ist, sich daran zu gewöhnen und es nach einer gewissen Eingewöhnungszeit zusätzlich auch noch auszufiltern. Man nimmt es dann gar nicht mehr wahr. Bei diesen billigen Geräten hier wird das nicht der Fall sein. Das Rauschen ist so deutlich, laut und präsent, dass es ständig wahrgenommen und als störend empfunden wird. In meiner Telefonsprechstunde berichten Betroffene von Kopfschmerzen und sogar Übelkeit.
Hörverstärker vs. echtes Hörgerät – der entscheidende Unterschied
Ein Hörverstärker und ein echtes Hörgerät verfolgen technisch zwei völlig verschiedene Konzepte. Der Verstärker macht im Kern nur eines: Er hebt den gesamten Schallpegel an. Ein medizinisches Hörgerät hingegen wird auf das individuelle Hörvermögen eingestellt. Es verstärkt bestimmte Frequenzen stärker als andere, begrenzt zu laute Impulse, reduziert Störlärm, kontrolliert Rückkopplungen und kann Sprache gezielt hervorheben.
Moderne Hörgeräte arbeiten mit mehreren Frequenzkanälen, passen sich automatisch an unterschiedliche Hörsituationen an und werden anhand eines Hörtests programmiert. Ziel ist nicht „lauter“, sondern „verständlicher“. Genau hier liegt der entscheidende Unterschied: Während ein Hörverstärker oft nur mehr Geräusch erzeugt, versucht ein echtes Hörgerät, das akustische Chaos zu ordnen.
Wer eine echte Schwerhörigkeit hat, profitiert deshalb in der Regel kaum von einfachen Verstärkern. Sie können sogar kontraproduktiv sein, weil sie wichtige Sprachanteile nicht gezielt unterstützen und Nutzer dazu verleiten, die Lautstärke immer weiter hochzudrehen. Ein angepasstes Hörgerät hingegen ist ein medizinisches Hilfsmittel – kein Konsumgadget – und zielt auf langfristige Hörentlastung und besseres Sprachverstehen.
4. Stromaufnahme, Akku und Laufzeit
Die angegebenen Werte wirken grundsätzlich plausibel: Eine Laufzeit von etwa 20 Stunden pro Ladung ist alltagstauglich, die Ladezeit von 4–6 Stunden ist eher lang. Ein fest eingebauter Lithium-Akku bedeutet allerdings meist: Wenn der Akku nach einigen Jahren deutlich nachlässt, ist das Gerät oft wirtschaftlich „am Ende“, weil ein Akkuwechsel nicht vorgesehen oder nicht sinnvoll ist.
5. Bauform: ITE Mini, „unsichtbar“
Bei günstigen Verstärkern ist „ITE Mini“ häufig eher Marketing als wirklich tiefsitzende, unauffällige Bauform. Ohne maßgefertigte Anpassung kann das zu Problemen führen: unangenehmes Druckgefühl, instabiler Sitz, Okklusion (verschlossenes Gefühl), Rückkopplung oder umständliche Bedienung (kleine Schalter, winzige Regler), was gerade für ältere Menschen schwierig sein kann.
Was taugt so ein Hörverstärker im Alltag?
Im täglichen Gebrauch zeigt sich sehr schnell, wofür solche Geräte taugen – und wofür nicht. In ruhiger Umgebung kann der Verstärker Stimmen und Geräusche durchaus lauter machen. Wer zum Beispiel den Fernseher etwas besser hören oder einem einzelnen Gesprächspartner in unmittelbarer Nähe folgen möchte, kann davon kurzfristig profitieren. Für sehr leichte Hörprobleme oder als gelegentliche „Lauschhilfe“ mag das Gerät einen gewissen Effekt haben.
In der Praxis treten aber rasch die Grenzen zutage. Der Klang ist meist dumpf, weil wichtige Hochfrequenzen fehlen. Sprache wird lauter, aber nicht klarer. Gerade bei mehreren Personen, bei Hintergrundgeräuschen oder in größeren Räumen steigt die Lautstärke – nicht aber das Verstehen. Hinzu kommt ein deutlich hörbares Eigenrauschen, das viele Nutzer als störend empfinden. Das Gerät verstärkt zudem alles gleichermaßen: Stimmen, Stühlerücken, Geschirrklappern, Straßenlärm.
Viele Anwender berichten, dass solche Verstärker anfangs neugierig ausprobiert, dann aber bald in einer Schublade verschwinden. Nicht, weil sie „kaputt“ wären, sondern weil sie im Alltag anstrengend, klanglich unbefriedigend und auf Dauer eher ermüdend als hilfreich sind.
Gesamtbewertung
Was man fair positiv anmerken kann
Wiederaufladbar, klein, einfache Grundverstärkung – als sehr einfache Lauschhilfe kann das in manchen Situationen helfen (z. B. Fernsehen in ruhiger Umgebung, kurze Distanzen, sehr leichte Hörprobleme).
Was klar problematisch ist
Die Verstärkung ist gering, der Frequenzbereich sehr begrenzt und das Eigenrauschen hoch. Zudem fehlen zentrale Merkmale medizinischer Hörgeräte (gezielte Frequenzanpassung, sinnvolle Begrenzung, Störlärm-Management, stabile Rückkopplungskontrolle). Bei tatsächlicher Schwerhörigkeit führt das oft dazu, dass zwar „mehr Lautstärke“ da ist, aber keine bessere Sprachverständlichkeit.
Kritischer Hinweis zur Vermarktung
Die Aussage „für Gehörlose“ ist fachlich falsch. Für Gehörlose ist so ein Gerät nicht geeignet. Auch bei relevanter Schwerhörigkeit ist es kein Ersatz für ein echtes Hörgerät, das individuell eingestellt wird.
Kurzfazit
Nach den technischen Angaben ist das ein einfacher Hörverstärker mit niedriger Leistung, stark eingeschränktem Frequenzgang und hohem Eigenrauschen. Als Ersatz für ein richtig angepasstes Hörgerät ist er fachlich ungeeignet und kann bei ernsthaften Hörproblemen eher enttäuschen als helfen.
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