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Hörgeräte richtig nutzen – warum das bei Älteren oft scheitert

sechs ältere Menschen, die ratlos sind

Wenn Hörgeräte auf moderne Technik treffen, alte Gewohnheiten auf neue Anforderungen prallen und familiäre Geduld dabei zunehmend strapaziert wird, entstehen Konflikte, die weit über das bloße „Nicht-Hören-Können“ hinausgehen.

In unserer Familie sorgt das Hörgerät meiner Schwiegermutter regelmäßig für Spannungen. Sie verlegt oder verstellt es häufig, versteht Gespräche schlecht und reagiert dann emotional, weil mein Mann nicht bereit ist, alles ständig zu wiederholen. Sie wirft ihm mangelndes Verständnis vor, schließlich könne sie nichts für ihre Hörprobleme.
Dabei verfügt sie über ein modernes Hörgerät, das per App mit Fernseher und Smartphone gekoppelt ist. Ist es auf eines dieser Geräte eingestellt, nimmt sie andere Geräusche – Klingeln, Telefon, Ansprache – kaum wahr. Mein Mann hat mehrfach angeboten, ihr bei der richtigen Einstellung zu helfen, doch sie blockt ab, weil sie lieber weiter fernsieht.
Wie sollte man sich in so einer Situation verhalten? Weiter geduldig helfen oder sich zurückziehen und sie die Konsequenzen selbst tragen lassen?

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Hörgerät, Hörverlust und Familienkonflikt – wenn Technik auf Emotionen trifft

Solche Situationen sind keineswegs selten. Hörverlust betrifft nicht nur die betroffene Person, sondern immer auch ihr soziales Umfeld. Moderne Hörgeräte sind kleine technische Wunderwerke, doch genau darin liegt oft das Problem: Sie verlangen Mitarbeit, Lernbereitschaft und ein Mindestmaß an Auseinandersetzung mit der eigenen Einschränkung.

In meiner Telefonsprechstunde und in E-Mails stellen mir Leserinnen und Leser ganz oft ähnliche Fragen. Ich habe deshalb das wunderbare Buch „Nicht senil, nur schwerhörig geschrieben. Es befasst sich u.a. ganz besonders mit dem Thema, wie man betagte Personen von der Nützlichkeit von Hörgeräten überzeugt und sie mit Hörgeräten vertraut macht.

Hörverlust ist keine Charakterschwäche – aber auch kein Freifahrtschein

Niemand ist schuld daran, schlecht zu hören. Altersbedingter Hörverlust ist weit verbreitet und medizinisch gut erklärbar. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass jede daraus entstehende Konfliktsituation automatisch entschuldigt ist.

Ein Hörgerät ist kein passives Hilfsmittel wie eine Brille, die man aufsetzt und vergisst. Es erfordert:

  1. regelmäßiges Tragen,
  2. Verständnis für verschiedene Programme,
  3. Übung im Umgang mit Apps und Einstellungen,
  4. und vor allem die Bereitschaft, sich helfen zu lassen.

Wer diese Mitarbeit dauerhaft verweigert, verlagert die Verantwortung unbewusst auf andere – meist auf Partner oder Angehörige.

Wenn Technik überfordert

Gerade Bluetooth-Anbindungen an Fernseher oder Smartphone sind für viele ältere Menschen eine Überforderung. Wird ein Hörgerät fest auf eine Audioquelle geschaltet, ist es technisch völlig korrekt, dass Umgebungsgeräusche ausgeblendet werden. Das ist bei vielen Geräten kein Defekt, sondern eine Funktion.

Bei meinen PHONAK-Hörgeräten kann ich per App bestimmen, wie viel Umgebungsgeräusche noch durchgelassen werden. Man möchte sich ja auch noch unterhalten können, oder die Türklingel hören.
Dass das möglich ist, darauf sollte man bei der Anschaffung der Hörgeräte unbedingt achten.

Das Problem entsteht dann, wenn die Zusammenhänge nicht verstanden werden, keine Routine mit dem Hörgerät aufgebaut wird oder Hilfsangebote konsequent abgewehrt werden.

Dann führt Technik nicht zu Entlastung, sondern zu Frust – bei allen Beteiligten.

Emotionale Reaktionen sind verständlich, aber nicht folgenlos

Tränen, Rückzug oder der Vorwurf mangelnder Empathie sind häufige Reaktionen auf das Gefühl, den Anschluss zu verlieren. Dennoch darf man klar sagen: Emotionen erklären Verhalten, sie rechtfertigen es nicht unbegrenzt.

Wenn jemand wiederholt Hilfe ablehnt, obwohl sie nötig wäre, und anschließend darunter leidet, entsteht eine klassische Konfliktspirale:

  • Die Betroffene fühlt sich unverstanden.
  • Der Angehörige fühlt sich machtlos und genervt.
  • Beide reden aneinander vorbei.

Manchmal ist weniger mehr: Einfachere Hörgeräte sind oft genug

Nicht jedes moderne Hörgerät ist automatisch für jeden Menschen die beste Lösung. Gerade bei älteren Nutzerinnen und Nutzern kann ein sehr komplexes Bedienkonzept mit App-Steuerung, mehreren Streaming-Quellen und automatischen Umschaltungen mehr Probleme schaffen, als es löst. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, bewusst auf einfachere Hörgeräte mit reduziertem Funktionsumfang zu setzen. Geräte mit klaren Programmen, wenigen oder gar keinen manuell zu bedienenden Optionen und einer weitgehend automatischen Anpassung an die Hörumgebung sind oft alltagstauglicher und weniger fehleranfällig. Entscheidend ist nicht die technische Maximalleistung, sondern dass das Hörgerät zuverlässig getragen, verstanden und genutzt wird – denn nur dann verbessert es das Hören und entlastet zugleich die familiären Beziehungen.

Helfen – aber mit klaren Grenzen

Was also tun? Weder resigniertes Wegsehen noch endlose Wiederholungen sind sinnvoll. Empfehlenswert ist ein Mittelweg:

Ein klarer, ruhiger Hilfsrahmen: Hilfe anbieten, aber an Bedingungen knüpfen – etwa an einen festen Termin, an dem Einstellungen gemeinsam erklärt und geübt werden.
Verantwortung benennen: Deutlich machen, dass gutes Hören nur funktioniert, wenn die Trägerin des Hörgeräts mitarbeitet.
Konsequenzen zulassen: Wenn Hilfe bewusst verweigert wird, darf man sich auch zurückziehen. Das ist keine Grausamkeit, sondern Selbstschutz.
Externe Unterstützung einbeziehen: Ein Hörakustiker oder eine neutrale Person wird oft eher akzeptiert als der eigene Sohn oder Schwiegersohn.

Kein Plan? Dann zeichne einen!

In meiner Arbeit sehe ich bei den uns eingesandten gebrauchten Hörgeräten immer wieder handschriftliche Zeichnungen mit Pfeilen, Farben und bunten Buchstaben. Offenbar haben Hörakustiker oder Angehörige kleine Merkpläne angefertigt, um älteren Menschen den Umgang mit der Technik zu erleichtern: Ein roter Pfeil zeigt, welcher Knopf gedrückt werden muss, ein Buchstabe steht für den Fernseher, ein anderer für das Telefon, manchmal klebt sogar ein kleiner Zettel in der Schatulle. Diese improvisierten Hilfen mögen auf den ersten Blick banal wirken, sind in der Praxis aber oft äußerst wirksam. Sie übersetzen abstrakte Technik in verständliche Bilder und geben Sicherheit im Alltag. Solche einfachen, analogen Lösungen können einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass Hörgeräte nicht als kompliziertes Fremdobjekt empfunden werden, sondern als verlässliche Unterstützung.

Fazit

Ja, Hörverlust ist belastend. Ja, er kann traurig machen und überfordern. Aber ein Hörgerät ist nur dann eine Hilfe, wenn man bereit ist, es als solches anzunehmen. Angehörige dürfen Verständnis zeigen – sie müssen sich aber nicht dauerhaft in die Rolle von Lautsprechern, Dolmetschern oder Blitzableitern drängen lassen.

Geduld ist wichtig. Klare Grenzen aber ebenso. Nur so kann aus moderner Hörtechnik tatsächlich wieder mehr Lebensqualität entstehen – für alle Beteiligten.

Bildquellen:

  • senioren-ratlos_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)