Hörgeräte gegen Demenz? Was wirklich dahinter steckt – Demenzrisiko und Hörverlust: Können Hörgeräte geistigem Abbau entgegenwirken? Schwerhörigkeit gehört zu den häufigsten gesundheitlichen Problemen im Alter. Viele Betroffene betrachten nachlassendes Gehör jedoch lange Zeit als eine lästige, aber harmlose Begleiterscheinung des Älterwerdens.
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- Schwerhörigkeit im Alter ist weit verbreitet
- Hörverlust verändert auch das Gehirn
- Das Gehirn wird sozusagen blockiert
- Langzeitstudie aus Australien untersucht den Effekt von Hörgeräten
- Kognitive Leistungsfähigkeit: kaum Unterschiede
- Beim Demenzrisiko zeigen sich Unterschiede
- Warum Hörgeräte indirekt schützen können
- Frühzeitige Versorgung ist sinnvoll
- Fazit
In den vergangenen Jahren hat sich allerdings gezeigt, dass Hörverlust weitreichendere Folgen haben kann – auch für das Gehirn.
Wissenschaftliche Untersuchungen legen nahe, dass unbehandelte Schwerhörigkeit mit einem erhöhten Risiko für kognitive Einschränkungen und Demenz verbunden ist. Gleichzeitig stellt sich eine wichtige Frage: Können Hörgeräte dabei helfen, diesen Prozess zu verlangsamen oder sogar vorzubeugen?
Schwerhörigkeit im Alter ist weit verbreitet
Mit zunehmendem Alter lässt bei vielen Menschen die Hörfähigkeit nach. Mediziner sprechen in diesem Zusammenhang von einer altersbedingten Schwerhörigkeit, der sogenannten Presbyakusis. Studien zeigen, dass etwa jede dritte Person über 65 Jahre davon betroffen ist.
Dieser Hörverlust entsteht meist schleichend. Zunächst werden hohe Frequenzen schlechter wahrgenommen, später fällt es schwer, Gespräche in geräuschvoller Umgebung zu verstehen. Viele Betroffene ziehen sich dann aus Gesprächen zurück oder vermeiden soziale Situationen, weil sie sich unsicher fühlen oder häufig nachfragen müssen.
Genau dieser Rückzug kann problematisch sein. Denn soziale Isolation gilt ebenfalls als ein bedeutender Risikofaktor für geistigen Abbau im Alter.
Hörverlust verändert auch das Gehirn
Neuere Forschungsergebnisse zeigen, dass Hörverlust nicht nur das Ohr betrifft. Bei Menschen mit unbehandelter Schwerhörigkeit lassen sich auch Veränderungen im Gehirn nachweisen. Bildgebende Verfahren haben gezeigt, dass bestimmte Bereiche des Gehirns – insbesondere solche, die für Sprachverarbeitung und Aufmerksamkeit zuständig sind – strukturelle und funktionelle Veränderungen aufweisen können.
Ein möglicher Grund: Wenn akustische Informationen nur noch eingeschränkt ankommen, wird das Gehirn weniger stimuliert. Gleichzeitig muss es mehr Arbeit leisten und Energie aufbringen, um Sprache überhaupt zu entschlüsseln. Dadurch stehen möglicherweise weniger kognitive Ressourcen für andere geistige Prozesse zur Verfügung.
Das Gehirn wird sozusagen blockiert
Diesen Effekt beobachte auch ich immer wieder bei Betroffenen, und zwar in der positiven Richtung: Wenn Ältere erstmals Hörgeräte bekommen, tun sie sich anfangs oft schwer damit. Das liegt einfach daran, dass das Gehirn über viele Jahre einen Teil der Verstehensarbeit geleistet hat, für die eigentlich das Ohr zuständig wäre.
Wichtige Gehirnareale werden also für das Hören blockiert, wenn man es vereinfacht sagen möchte.
Diese Areale müssen erst wieder lernen, dass nun das Ohr mithilfe der neuen Hörgeräte wieder genügend Informationen liefert. Das Hirn muss sozusagen entwöhnt werden, denn die Ohren liefern jetzt wieder mehr.
Es ist nach einer Eingewöhnungsphase von mehreren Wochen aber deutlich zu bemerken, dass die Schwerhörigen aktiver am Alltag teilnehmen und wacher und aufmerksamer wirken.
Diese subjektiven Beobachtungen geben vor allem das persönliche Empfinden der Betroffenen wieder. Als Beleg für eine demenzverhindernde Wirkung von Hörsystemen können sie nicht herangezogen werden.
Langzeitstudie aus Australien untersucht den Effekt von Hörgeräten
Ein Forschungsteam aus Australien ging der Frage nach, ob Hörgeräte diesen Entwicklungen entgegenwirken können. Grundlage der Analyse waren Daten aus einer großen australischen Langzeitstudie.
Insgesamt wurden die Daten von rund 2780 älteren Menschen ausgewertet. Das mediane1 Alter der Teilnehmenden lag bei etwa 75 Jahren. Zu Beginn der Untersuchung hatten alle Personen Hörprobleme, nutzten jedoch noch keine Hörgeräte und wiesen auch keine Demenz2 auf.
Während des Studienverlaufs entschied sich knapp ein Viertel der Teilnehmer erstmals für die Versorgung mit einem Hörgerät. Diese Gruppe wurde mit Personen verglichen, die weiterhin ohne Hörgeräte lebten.
Der Beobachtungszeitraum betrug im Median etwa sieben Jahre.
Kognitive Leistungsfähigkeit: kaum Unterschiede
Die Auswertung zeigte zunächst ein überraschendes Ergebnis. Beim allgemeinen altersbedingten Rückgang kognitiver Fähigkeiten – etwa bei Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung oder Denkgeschwindigkeit – ließ sich kein klarer Unterschied zwischen Menschen mit Hörgerät und solchen ohne Hörgerät feststellen.
Mit anderen Worten: Hörgeräte konnten den normalen Alterungsprozess des Gehirns nicht vollständig aufhalten.
Beim Demenzrisiko zeigen sich Unterschiede
Interessant wurde es jedoch bei der Betrachtung des Demenzrisikos. Hier ergab sich ein messbarer Unterschied zwischen den Gruppen.
Innerhalb des siebenjährigen Beobachtungszeitraums entwickelte sich bei etwa 5,0 Prozent der Hörgeräteträger eine Demenz. In der Vergleichsgruppe ohne Hörgeräte lag der Anteil bei 7,5 Prozent.
Auch das Risiko für sogenannte milde kognitive Beeinträchtigungen – eine mögliche Vorstufe der Demenz – war bei den Hörgeräteträgern etwas geringer.
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt bei Menschen, die ihre Hörgeräte regelmäßig nutzten. Wer die Geräte konsequent oder nahezu ständig trug, schien am stärksten zu profitieren.
Warum Hörgeräte indirekt schützen können
Fachleute betonen, dass Hörgeräte keine Wundermittel gegen Demenz sind. Dennoch könnten sie eine wichtige Rolle in der Prävention spielen.
Experten des Digitalen Demenzregisters Bayern (digiDEM Bayern) weisen darauf hin, dass unbehandelte Hörprobleme häufig zu sozialer Isolation führen. Menschen mit Hörverlust nehmen seltener an Gesprächen teil, vermeiden Veranstaltungen oder ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück.
Dieser Rückzug kann wiederum geistigen Abbau begünstigen. Kommunikation, Gespräche und soziale Aktivitäten wirken wie ein Training für das Gehirn. Hörgeräte helfen dabei, wieder aktiv am Leben teilzunehmen und akustische Reize besser wahrzunehmen.
Das Gehirn wird dadurch kontinuierlich stimuliert – ein wichtiger Faktor für die geistige Gesundheit im Alter.
Frühzeitige Versorgung ist sinnvoll
Viele Menschen zögern lange, bevor sie ein Hörgerät ausprobieren. Oft dauert es Jahre, bis Betroffene den ersten Schritt gehen. Dabei sprechen immer mehr Studien dafür, Hörverlust möglichst früh behandeln zu lassen.
Moderne Hörgeräte sind klein, leistungsfähig und können individuell an das Hörvermögen angepasst werden. Sie erleichtern Gespräche, reduzieren Höranstrengung und ermöglichen wieder eine aktivere Teilnahme am Alltag.
Auch wenn sie den natürlichen Alterungsprozess des Gehirns nicht stoppen können, könnten sie doch dazu beitragen, das Risiko für Demenz zu verringern.
Fazit
Schwerhörigkeit ist mehr als nur ein Problem des Ohres. Sie kann sich auch auf geistige Leistungsfähigkeit und soziale Teilhabe auswirken. Studien zeigen, dass Hörgeräte zwar keinen vollständigen Schutz vor kognitivem Abbau bieten, aber möglicherweise das Demenzrisiko reduzieren können.
Wer schlechter hört, sollte daher nicht zu lange warten, sondern das Gehör medizinisch abklären lassen. Eine rechtzeitige Hörgeräteversorgung kann helfen, aktiv zu bleiben – und damit auch das Gehirn in Bewegung zu halten.
Einfach gesagt, bedeutet das, dass Hörgeräte nicht wie eine Medizin gegen Demenz angesehen werden können.
Quelle der Studie:
DOI: https://doi.org/10.1212/WNL.0000000000214572














