PHONAK Virto Black – Überirdisch oder unterirdisch? – Test Review

Hörgeräte sind immer noch mit dem Stigma einer Behinderung behaftet. Viele Hörgerätehersteller gehen deshalb den Weg, die Hörsysteme immer kleiner zu machen. Wenn sie weniger auffallen, bedeutet das für den Hörgeräteträger auch weniger Auseinandersetzung mit Vorurteilen. Doch inzwischen hat man sich auch daran gewöhnt, dass immer mehr Menschen mit Musikohrhörern oder Bluetooth-Ohrhörern unterwegs sind.

Jetzt Hörgeräte im „anderen“ Design

Das macht die Hörgerätehersteller mutig, die nun auch Hörgeräte im Wearables-Design auf den Markt bringen. Ein Beispiel hierfür ist das Hörgerät Phonak Virto Black. Es sieht aus wie ein normaler Ohrhörer. Doch man kann mit diesen cleveren Teilen nicht nur telefonieren, Musik hören und Podcasts streamen, sondern die kleinen Gehäuse enthalten auch noch ganz normale Hörgerätelektronik. Damit sind sie für den Allgemeingebrauch gar nicht gedacht, sondern eine Sache für diejenigen, die eine Hörminderung haben.

Im Alltagstest zeigte sich jedoch, dass das Wearable-Design gar nicht unbedingt so positiv bewertet wird. Manche meiner Gesprächspartner zeigten sich irritiert, weil ich scheinbar so unhöflich war, und im Gespräch mit ihnen nicht einmal meine vermeintlichen Musikohrhörer ablegte. Hier waren jeweils klärende Worte notwendig.

Ich konnte die schicken Hörgeräte locker den ganzen Tag tragen. Sie werden auch nach vielen Stunden nicht unbequem. Die Virto Black sitzen wie angegossen, was daran liegt, dass jedes Hörgerät eine höchstpersönliche und individuelle Einzelanfertigung nach Maß ist. Hierzu wurde mir vorher ein Abdruck von meinem Ohr genommen, der dann eingescannt wurde. Anhand der Scan-Daten werden die Schalen (Gehäuse) der Virto Black dann bei Phonak im 3D-Druck nur für mich hergestellt. Sie würden niemand anderem passen.

Der Klang der Virto-Black ist Phonak-typisch etwas metallen, kristallklar und sehr rauscharm bis rauschfrei. Selbst bei meinem starken Hörverlust kam ich gut mit den Hörgerätefunktionen zurecht. In diesem Punkt gibt es nichts zu meckern. Das sind ganz wunderbare Hörgeräte. Aber lohnt es sich, die Größe der Geräte in Kauf zu nehmen, nur um die zusätzlichen Funkfunktionen in einem In-Ear-Hörgerät zu haben?

Ich meine, es gibt schon lange ganz wunderbare In-Ear-Geräte von Phonak, die so klein sind, dass sie Dritten gar nicht mehr auffallen. Und es gibt ebenso wunderbare und technisch noch viel besser ausgestattete Hörgeräte wie die Marvel- oder Paradise-Reihe, die hinter dem Ohr getragen werden können und ebenfalls sehr unauffällig sind (RIC-Technik).

Warum also so einen Kompromiss eingehen? Bringen die Bluetooth-Features soviel mehr?

Wie ich bereits ausführte, bieten die Phonak-Wearables durch die Bluetooth-Technik ein deutliches Mehr im Vergleich zu den kleineren ITC-Hörgeräten. Sie können zum Beispiel Musik direkt von einem iPhone oder Android-Smartphone in die Hörgeräte streamen. Und das geht auch mit Fernsehern oder Tablets und Stereoanlagen, die bluetoothfähig sind. Außerdem können Sie mit den Hörgeräten auch freihändig und drahtlos telefonieren. Das gilt als besonders schick und praktisch.

Ich persönlich finde aber einerseits die Bluetooth-Reichweite zu gering. Bei mir kam es schon zu Verbindungsabbrüchen beim Fernsehen, wenn ich nur den Kopf drehte oder mal im Zimmer umher gegangen bin. Das kenne ich beispielsweise von den Phonak Marvel anders.

Telefonate teilweise unterirdisch

Das Telefonieren klappt wechselhaft und lässt bei mir auch wechselhafte Gefühle zurück. Mal klappt es einwandfrei und ich höre meinen Gesprächspartner glasklar, auch er versteht mich prächtig. Doch schon beim nächsten Telefonat knistert, raucht und knackt es in der Verbindung. Auch das hier in der Redaktion vorgeschlagene Vorhalten der hohlen Hand brachte hier nur wenig.
So hatte ich mir die Telefonqualität nicht vorgestellt.

Wie ist das mit dem Musikhören? Qualität ausreichend?

Ich bin ja schon froh, dass ich überhaupt Musik hören kann. Dass das jetzt auch drahtlos geht, ohne dass ich zusätzlich noch Kopfhörer aufsetzen muss, ist für mich ein ganz großer Vorteil. Desweiteren bin ich alles andere als audiophil, habe also keine gesteigerten Ansprüche. Angesichts der schmalbandigen Frequenz und der Bassarmut vermute ich aber, dass richtige Stereo-Liebhaber hier nicht auf ihre Kosten kommen werden. Dafür haben die Hörgeräte einfach zu wenig Volumen auf der Brust.
Das ist vor allem beim Musikhören ein Thema. Bei Podcasts, Hörbüchern oder Hörspielen macht das gar nichts aus, da klingen die Virto Black sogar richtig gut.

Die Equalizer-Funktion ermöglicht innerhalb gewisser Grenzen das Einregulieren von Höhen, Mitteltönen und Bässen. Doch durch die in den Virto Black eingebaute Automatik AutoSense 3.0 passen sich die Hörgeräte jeder Situation schnell hervorragend an.

Fazit

Meiner Meinung nach überwiegen die Hörgerätequalitäten der „dicken Dinger“ und stellen die Bluetooth-Qualitäten in den Schatten. Grundsätzlich funktioniert alles und das phonak-typisch präzise und sauber. Allerdings ist das Telefonieren wegen der wechselhaften Qualität kein wirkliches Vergnügen. Ob das rein an den Hörgeräten liegt, oder ob eventuell auch das Smartphone Schuld ist, kann man nicht sagen. Jedenfalls klingt es mal gut und mal, gelinde gesagt, beschissen.

Was ganz positiv zu bemerken ist: Die Batterielaufzeit ist gigantisch. Wer bisher nur Wearables sein Eigen nannte, der wird hier staunen. Satte 4-7 Tage kommt man mit einer Batterie hin. Akkus haben die Stöpsel nämlich nicht, die passen in die kleinen Gehäuse noch nicht rein. Da Hörgerätebatterien aber extrem günstig sein können, fällt das nicht weiter ins Gewicht.

Trotzdem haben die Phonak Virto Black ihre Daseinsberechtigung. Sie sehen aus wie Wearables. Wer sie trägt, beispielsweise bei Sport, Freizeit, im Club oder bei Freunden, der wird nicht gleich als Hörgeräteträger entlarvt. Sie wirken schick und stylisch und erinnern in erster Linie an luxuriöse Ohrhörer.

Die Virto Black gehen für 1.500 bis 1.700 Euro pro Ohr über den Ladentisch eines Hörakustikers und sind auch nur in Hörakustikergeschäften zu bekommen. Wer eine Verordnung vom Ohrenarzt vorweisen kann, dem zahlt ggfs. die Krankenkasse rund die Hälfte der Geräte dazu.

Bildquellen

  • virto-black-phonak: Phonak | All Rights Reserved
  • virto-black-011: Phonak | All Rights Reserved


(si)



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Peter Wilhelm Hörgeräte-Experte
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