• Ich probiere Hörgeräte aus – bin schockiert

    Leserzuschrift:

    Guten Tag,
    ich probiere derzeit einige Hörgeräte aus – bin schockiert. Für mein rechtes Ohr empfiehlt der HNO ein Cochlear-Implantat, mit dem linken Ohr höre ich noch relativ gut, brauche aber ein Hörgerät. Bisher habe ich ohne Gerät im Chor gesungen, merke immer noch sofort wenn ich bei der Probe mal den falschen Ton erwische, auch lauter/leiser/Ausdruck ist kein Problem, nur die Anweisungen der Kantorin verstehe ich oft nicht oder schlecht und das Nicht-Verstehen-können stresst oft ungemein und verstärkt dann die Situation.
    Nun hat mir ein Bekannter erzählt – der ebenfalls immer im Chor gesungen hat und seit einiger Zeit ein Hörgerät trägt – er könne nicht mehr im Chor singen, da er durch das Hörgerät seine eigene Stimme nicht mehr hört!? Wie kann das sein?? Das Singen ist für mich ungemein wichtig, es wäre eine Katastrophe wenn ich das nicht mehr könnte.

    Ich probiere derzeit ein sog. „Kassengerät“: Wasser aus dem Wasserhahn ist ein lautes Zischen, Geräusche sind sehr laut und werden total verfälscht, meine Stimme klingt metallisch. Ich denke doch, dass man das am Gerät erheblich verbessern könnte, ich werde den Eindruck nicht los, dass man mir das Gerät madig machen möchte um ein teures zu verkaufen (ca. € 1.800,- oder mehr). – Zufriedenes Grinsen als ich sagte, ein solches Ding werde ich nicht tragen!!
    Vielen Dank und Grüße
    H

    i

    Hallo, liebe Frau …,

    herzlichen Dank für Ihre Zuschrift und Ihr Vertrauen.
    Lassen Sie mich vorausschicken, dass ich weder Mediziner, noch Hörakustiker bin.
    Aber als Fachjournalist, der sich seit langer Zeit mit der Thematik beschäftigt, kann ich Ihnen natürlich meine persönliche Sichtweise der Dinge mitteilen.

    Ihre Zuschrift lässt sich in mehrere Teile zergliedern.

    1. Cochlear Implantat (CI)

    Es ist echt außergewöhnlich, dass ein HNO-Arzt sofort bei der Erstversorgung zu einem CI rät. Das deutet darauf hin, dass Ihr rechtes Ohr schon sehr schwach hört. Hier würden aber, bevor Sie sich einer mit Risiken behafteten Operation unterziehen, noch andere Alternativen in Frage kommen, die ich Ihnen nachfolgend erklären möchte:

    • a) Power Hörgerät: Es gibt Hörgeräte in unterschiedlichen Leistungsstufen. Die sogenannten Power-Hörgeräte liefern eine kräftige Verstärkung, die auch bei hochgradiger oder an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit noch sehr gute Ergebnisse liefern können.
      So ein Hörgerät würde ich für das rechte Ohr zunächst einmal ausprobieren.
    • b) Bi-Cross-Geräte: Hier verständigen sich die beiden Hörgeräte ständig via Funk und Sie hören auf dem linken Ohr das mit, was am rechten Ohr empfangen wird. Eine sehr gute Lösung, die Sie auch ausprobieren sollten.
    • c) Med-EL, AdHear: Dies ist ein System, das ohne Operation auskommt. Der Soundprozessor wird hinter das Ohr geklebt und leitet die Schallwellen über Vibrationen an den Schädelknochen weiter, der die Töne im Innenohr auslöst und hörbar macht.

    Das Hören mit einem Cochlear-Implantat muss erst mühsam erlernt werden. Bei manchen ist es ein Segen und sie hören nach einem mehrwöchigen Hörtraining damit sehr gut. Andere plagen sich und verstehen sehr lange so gut wie gar nichts. CIs sind eine extrem gute Erfindung, aber kein Allheilmittel mit garantiertem Hörerfolg.

    Probieren Sie auf jeden Fall die o.g. Varianten aus, bevor Sie sich operieren lassen!

    2. Kassenhörgerät:

    Die Spezifikationen für Kassenhörgeräte sind in Abstimmung zwischen Schwerhörigenverbänden, Krankenkassen und Hörakustikern festgelegt worden. Es sind hervorragende Geräte auf der Höhe der Hörgerätetechnik.
    Sie müssen alles leisten können, was ein Schwerhöriger zum guten Hören benötigt.
    Allerdings hat diese Technik natürlich auch bewußt ihre Grenzen. Diese werden von den Hörakustiker auch gerne als großer Nachteil herausgestellt, die nur mit teuereren Geräten zu überwinden seien.

    Das ist aber nicht richtig. Von der Funktion und vom Klang her finden wir, dass beispielsweise das Kassenhörgerät Phonak Vitus BTE micro genau so gut klingt, wie viel teurere Geräte.

    Teurere Geräte mit Zuzahlung haben aber mehr Programme und Kanäle.
    Der Hörakustiker kann ja Lautstärke, Frequenzen, Hall, Störgeräuschunterdrückung und ganz viele andere Parameter einstellen.

    Das kann man als ein Set von Einstellungen bezeichnen. Er kann das generell für das Hörgerät einstellen, aber auch als Set in einem Programm abspeichern. Davon kann er mehrere anlegen.
    So können Sie sich also ein Programm für den Alltag einprogrammieren lassen, ein Programm für ruhige Gespräche und natürlich auch eins für den Chorgesang.

    Über den Taster am Hörgerät können Sie dann typischerweise durch einen kurzen Druck lauter und leiser machen und durch einen längeren Druck die Programme umschalten.

    Ein Kassengerät hat regelmäßig 4 solche Programmplätze.
    Die oben angesprochenen Kanäle betreffen die einstellbaren Frequenzbereiche. Je mehr Kanäle ein Hörgerät hat, umso feinfühliger lassen sich die Frequenzen einstellen. Kassengeräte haben so an die 6 Kanäle, teurere über 20.

    Dass Sie den Wasserhahn als zischend und störend empfinden, ist völlig normal.
    Das geht aber nach ein paar Wochen, spätesten nach einem Vierteljahr weg! Garantiert!
    Denn Ihr Gehirn hat ja durch die schleichende Schwerhörigkeit diese Geräusche lange nicht mehr so deutlich wahrnehmen können. Jetzt kommt aber mit Hörgerät eine solche Fülle an Informationen an, dass es erst einmal lernen muss, damit umgehen zu können.

    Knistern von Folie, Wasserrauschen, zischende Geräusche und Pfeifen, alles das wird Ihnen zu hoch, zu intensiv und zu laut vorkommen.
    Anfangs!
    Unser Gehirn beherrscht aber das selektive Hören. Geräusche, die wir immer wieder hören und die keine Nutzsignale sind, werden ausgeblendet. Sie kennen das bestimmt von Menschen, die neben einer Bahnlinie oder Kirche wohnen und die von sich sagen, dass sie die Züge oder Glocken selbst gar nicht mehr hören.

    So wird das im Laufe der Zeit bei Ihnen auch mit den anfangs als unangenehm empfunden hohen Geräuschen sein.
    Hier müssen Sie sich und dem Hörgerät unbedingt Zeit und eine Chance geben. Je länger Sie die Geräte täglich tragen umso besser ist die Eingewöhnung.

    3. Singen

    Sie werden singen können, auch mit Hörsystemen! Hierzu gilt das Gleiche, wie bei den zischenden Geräuschen.
    Sie müssen sich an die neue Situation erst gewöhnen. Ihr Gehirn hatte Jahre Zeit, um sich an die Schwerhörigkeit zu gewöhnen.
    Jetzt kann es nicht innerhalb weniger Tage oder Wochen auf einen Schlag wieder umschalten. Gut Hören ist ein Gewöhnungs- und Lernprozess.

    Ich bin mir fast sicher, dass ein guter Hörakustiker Ihnen auch ein gutes Kassengerät so einstellen kann, dass Sie damit bei der Chorprobe und bei Auftritten weitestgehend zufrieden sein werden. Eventuell müsste der einfach mal mit zu einer Chorprobe gehen, um einen Eindruck davon zu bekommen, auf was es dabei ankommt.

    4. Nicht Verstehen

    Es gibt besondere Situationen, in denen das Hörgerät alleine nicht ausreicht. Das ist beispielsweise bei Konferenzen so.
    An einem Tisch sitzen viele Personen, die Geräusche machen und leise reden, der Konferenzleiter ist dadurch nur schwer zu verstehen.
    Wir Menschen können dann den Sprecher anschauen und uns auf dessen Stimme konzentrieren.
    Das kann das Hörgerät natürlich nicht. Es empfängt einen Brei aus Schallinformationen und kann daraus schon sehr gut Stimmen extrahieren. Aber manchmal ist zu viel Hall, Nebengeräusch oder anderes, das stört.
    Hier gibt es prima kleine Kästchen, sogenannte externe Mikrofone. Davon kann der Hörgeräteträger sich ein kaufen.
    Dieses Kästchen können Sie bei der Chorleiterin ablegen und werden dann supergut ihre Stimme hören können.

    5. Nochmals Kassengerät

    Es ist eine Sache, die mir leider immer wieder erzählt wird. Der Hörakustiker macht das Kassenhörgerät madig, um was Teureres zu verkaufen. Ich will das in Ihrem Fall Ihrem Hörakustiker gar nicht mal unterstellen. Er ist ja näher an der Sache dran und kennt Ihre audiometrischen Daten. Es könnte sein, dass er tatsächlich der Meinung ist, Sie müssten ein teureres Hörgerät nehmen, weil nur das aus seiner Sicht ein gutes Ergebnis bringt.
    Aber dennoch: Er muss Sie während der Ausprobezeit mit einem perfekt eingestellten Kassenhörgerät versorgen.
    Und nach meiner Einschätzung sollte das alles auch mit einem solchen Gerät funktionieren.

    Wenn sie den Eindruck haben, dass der Hörakustiker nicht ausreichend auf Ihre Problematik und Wünsche eingeht, dann wechseln Sie bitte den Hörakustiker.

    Der Hörakustiker sollte Ihnen Kassenhörgeräte gut einstellen und zwar mehrmals. Führen Sie ein Hörtagebuch. Notieren Sie, in welchen Situationen Sie gut hören und in welchen nicht. Mit diesen Notizen gehen Sie wieder dort hin und lassen die Geräte nachregeln.
    Das können Sie beliebig oft machen lassen!
    Bedenken Sie aber, dass die metallisch klingende Stimme, das Zischen und Rauschen usw. erst nach Wochen vom Gehirn eliminiert werden! Das kann der Akustiker nicht komplett wegregeln.

    Ich hatte Ihnen oben ein Hörgerät genannt. Fragen Sie mal danach. Sie werden an der Reaktion erkennen, ob Sie bei dem Hörakustiker gut aufgehoben sind. Phonak ist der führende Anbieter von Hörgeräten und bietet 1a Qualität. Wenn der Hörakustiker sagt, er könne ein Gerät vom Marktführer nicht liefern, dann sind Sie an der Flaschen Adresse.

    Sie sollten also zunächst überlegen, ob Sie bei diesem Hörakustiker an der richtigen Adresse sind.
    Dann bleiben Sie zunächst hartnäckig, was das Kassenhörgerät anbetrifft. Es gibt keinen zwingenden Grund anzunehmen, ein teureres Gerät sei besser!
    Bezüglich Ihres rechten Ohrs habe ich Ihnen auch Empfehlungen abseits des Cochlear-Implantates genannt, die Sie zunächst ausprobieren können.
    Ich persönlich würde aber erst einmal die linksseitige Versorgung unter Dach und Fach bringen, es sei denn, der Hörakustiker kann ein gutes Paar Hörgeräte anpassen.

    Erst wenn Sie nach längerer Probe einen guten Höreindruck mit den Kassengeräten haben, können Sie zum Vergleich mal teurere Geräte ausprobieren. Aber der Weg sollte immer von zuzahlungsfrei über günstig und danach ein bißchen teurer gehen und nicht von Anfang an bei 1.800 Euro anfangen.

    Sie haben für das Ausprobieren jede Menge Zeit! Lassen Sie sich weder unter Druck setzen, noch in Panik versetzen!

    Geben Sie die ohrenärztliche Verordnung erst dann zur Abgabe an die Krankenkasse frei, wenn Sie sich wirklich für Hörgeräte und diese Akustiker entschieden haben!

    Ich hoffe, ich habe Ihre Problematik richtig verstanden und Ihnen gute Auskünfte erteilt.
    Wenn ich etwas nicht berücksichtigt haben sollte, fragen Sie mich doch bitte gerne wieder.
    Bitte halten Sie mich doch auf dem Laufenden.

    Hinweis: Diese Einschätzung beruht auf meinen persönlichen Erfahrungen und gibt ausschließlich meine Meinung wieder. Zu Rechts-, Steuer- und medizinischen Themen sollten Sie immer einen ausgewiesenen Fachmann fragen. Das ist oft günstiger als man denkt. Verlassen Sie sich nie auf Erkenntnisse, die Sie sich nur im Internet zusammengefischt haben!



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    Bild: Pixabay

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