• Hörgeräte ausprobieren, testen – Der grosse Irrtum

    Hörgeräte ausprobieren, testen – Der grosse Irrtum: Sie haben kein Hörgedächtnis

    Hörgeräte bekommen Sie bei fast jedem Hörakustiker kostenlos zur Probe. Diese Testphase nennen die Hörakustiker Ausprobe, weil der Kunde die Geräte ausprobiert.
    Durch das Tragen der Hörgeräte im Alltag sollen Sie beurteilen können, welches Gerät Ihren persönlichen Bedürfnissen am besten entspricht.
    Diese Idee ist grundsätzlich gut und hat sich seit Jahrzehnten bewährt.

    Aber sie ist letztendlich nicht die ideale Strategie, um das passende Hörgerät zu finden.
    Wir erklären Ihnen, weshalb das so ist.

    Der Hörverlust kam langsam, deshalb müssen Sie sich langsam an Hörgeräte gewöhnen

    Sie haben den Hörverlust wahrscheinlich nicht plötzlich bekommen, sondern über lange Zeit hinweg erworben. In den meisten Fällen ist die Schwerhörigkeit die Summe vieler schlechter Einflüsse auf die Sinneszellen im Ohr. Im Alter bekommt man leider dann die Quittung dafür. Klingt hart, ist aber eigentlich schon fast normal.
    Ihr Hörsinn hat lange Zeit den schleichenden Hörverlust ausgeglichen. Wie das einmal war, als Ihre Ohren noch richtig gut funktionierten, daran kann sich ein Mensch grundsätzlich nicht erinnern. Sie werden noch wissen, dass es mal besser war und welche Töne sie gut gehört haben.
    Aber an den wirklichen Umfang des Tonerlebens können Sie sich definitiv nicht erinnern.

    Der Aha-Effekt kann Sie am Anfang täuschen

    Deshalb ist bei dem ersten Hörgerät, dass Sie zu Probe bekommen, der Aha-Effekt am größten. Egal, wie gut oder schlecht es eingestellt ist, Sie werden auf jeden Fall einen deutlichen (meist auch positiven) Unterschied zum Schlechthören bemerken. Die Akzeptanz ist nun am größten. Weiter unten sprechen wir noch über die Eingewöhnung. Mit diesem Hörgerät müssen Sie jetzt Ihre ersten Hörgeräteerfahrungen sammeln.

    Mit dem ersten Hörgerät sollen Sie sich nur an Hörgeräte allgemein gewöhnen

    Genau dieses erste Hörgerät sollte ein guter Akustiker Ihnen vorerst optimal einstellen.
    Vorerst? Ja, erst wenn Sie sich an das grundsätzliche Tragen eines Hörsystems gewöhnt haben, kann sinnvollerweise der nächste Schritt erfolgen, nämlich die Ausprobe verschiedener Hörgeräte.
    Das Tragen eines Hörgerätes ist mit gewissen Veränderungen für Sie verbunden. Sie haben einen Fremdkörper im/am Ohr, Töne klingen fremd, die Bedienung der Geräte ist noch ungewohnt und neu. Außerdem muss Ihr Hörsinn sich erst einmal wieder an die Fülle der Klanginformationen gewöhnen. Jetzt gleich zu urteilen, wie dieses Hörgerät klingt und ob es Ihnen was bringt, wäre viel zu früh.

    Gutes Hören kommt erst nach der Eingewöhnungsphase

    Wie oben bereits gesagt, muss Ihr Hörgehirn, Ihr Hörsinn erst einmal damit fertig werden, dass jetzt auf einmal wieder Klänge in großer Fülle vorhanden sind.
    In dieser Phase, die mitunter 4-8 Wochen dauern kann, wäre es eigentlich grundverkehrt, andere Hörgeräte auszuprobieren. Sie würden Ihren Hörsinn nur überfordern. Wichtig ist, dass Sie in stetem Kontakt zu Ihrem Hörakustiker stehen und die Geräte nur moderat anpassen lassen.
    Das bedeutet, dass der Hörakustiker zu laute Geräte leiser dreht, zu hohe und spitze Töne etwas zurücknimmt usw.
    Aber gerade die kritischen Situationen, wie Unterhaltungen in einem Restaurant mit viel Hintergrundlärm, müssen Sie einfach durchstehen und viele Wochen „ertragen“. Geben Sie Ihrem Gehirn die Chance, das selektive Hören wieder zu erlernen. Diese Geräusche waren lange Zeit so gut wie weg, damit muss Ihr Gehirn erst einmal fertig werden.

    Manche Hörakustiker möchten schneller zum Zug kommen

    Erst wenn Sie sich an die Hörgeräte gewöhnt haben, also wenn diese Ihnen nicht mehr wie ein Fremdkörper vorkommen, können Sie die letzten Feineinstellungen während der Ausprobe vornehmen lassen. Erst das Gehirn, dann das Hörgerät, so lautet die Regel, die wir präferieren. Dieses Verfahren mögen Hörakustiker meist nicht. Sie befürchten -übrigens völlig zu Recht- dass die neugebackenen Hörgeräteträger beim Ausbleiben des Anfangserfolges Hörgeräte für nutzlos oder unbequem halten und dann nicht kaufen.
    Zeigen Sie sich hier aufgeklärt und erklären Sie dem Hörakustiker, dass Sie die lange Phase am Anfang in Kauf nehmen.

    Das Hörtagebuch ist das A und O

    Erst wenn Sie die Gewöhnung an das Hörgerätetragen hinter sich haben, ist es nach unserer Erfahrung überhaupt sinnvoll, weitere Hörgeräte auszuprobieren. Hierzu ist es aber erforderlich, dass Sie ganz genau Hörtagebuch führen. Notieren Sie sich alles, was Ihnen an dem Hörgerät auffällt. Klingt es metallisch, wie wird es mit Störgeräuschen fertig, wann sind Sie zufrieden oder unzufrieden? Geben Sie dem Hörakustiker die Chance, das auszubessern, führen Sie aber danach weiter Hörtagebuch.
    Dann probieren Sie das nächste Hörgerät, oder die nächsten Hörgeräte aus. Führen Sie weiter Hörtagebuch! Nur so können Sie anhand Ihrer Unterlagen vergleichen, welches Hörgerät in welchen Hörumgebungen wie abgeschnitten hat.
    Auch wenn Sie glauben, Sie könnten sich nach Wochen oder Tagen noch an die Höreindrücke des ersten oder vorherigen Geräts erinnern: Das ist nicht so. Sie haben kein Hörgedächtnis.

    Hier können Sie ein Hörtagebuch kostenlos downloaden

    Der Hörakustiker: Spagat zwischen medizinischer Beratung und kaufmännischem Denken

    Der Hörakustiker ist ein Kaufmann. Er lebt vom Verkauf der Hörgeräte. Es ist nicht verwerflich, dass er daran interessiert ist, dass Sie ein möglichst teures Hörgerät kaufen.
    Bitte nennen Sie dem Hörakustiker von Anfang an Ihr finanzielles Limit. Sie haben als gesetzlich versicherte Person Anspruch auf zuzahlungsfreie Geräte von der Krankenkasse. Bestehen Sie darauf, diese unbedingt auszuprobieren. Klingen diese im Vergleich zu anderen Hörgeräte absolut schlecht, kann es sein, dass sie nicht korrekt eingestellt wurden, um Ihnen den Kauf dieser Geräte zu vergällen. Auch mit Kassenhörgeräten ist ein gutes Hören hinzubekommen.
    Am besten ist es, der Hörakustiker gibt Ihnen während des Hörgerätevergleichs Geräte mit, ohne Ihnen zu sagen, wann und ob es sich um ein Kassenhörgerät handelt. Sie werden überrascht sein.

    Weitere Tipps für Sie

    Lassen Sie sich nicht auf das Argument ein, Kassenhörgeräte seien schlecht, billig, nur für arme Leute oder nur für ganz eingeschränkte Situationen zu gebrauchen!

    Sie können beim Hörakustiker auch viel teurere Geräte kaufen, die zig tausend Euro kosten können. Damit erkaufen Sie sich mehr Komfort, mehr Luxus, eine schnellere und individuellere Reaktion auf verschiedene Hörumgebungen und beispielsweise das Streaming von Telefon, TV und Musik direkt ins Hörgerät.



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    Bedenken Sie aber: Zwischen 0,- € für das Kassenhörgerät und 7.000 € für Luxusgeräte gibt es noch viele Zwischenstufen. Lassen Sie sich nicht darauf ein, gleich die teure Variante als einzige Möglichkeit präsentiert zu bekommen. Werden Ihnen nur häßliche, große Kassenhörgeräte vorgelegt oder werden diese gar nicht erwähnt und zur Probe angeboten, gehen Sie woanders hin!

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