• Gebrauchte Hörgeräte kaufen, ist das ratsam?

    Ich lese selten so viel Müll, als wenn es darum geht, ob man gebrauchte Hörgeräte verwenden kann.

    Kommen wir zu den Mythen um gebrauchte Hörgeräte:

    1. Das ist gegen das Medizinprodukte-Gesetz

    Dazu heißt es im Netz beispielsweise: Das entspricht nicht den in Deutschland gültigen Vorgaben für den Vertrieb von Medizinprodukten.

    Als Privatmann geht Sie das Medizinproduktegesetz nichts an. Sie können sich, wenn Sie möchten auch ein gebrauchtes Holzbein oder ein benutztes Gebiss kaufen.
    Nur wenn Sie oder derjenige von dem Sie das gebrauchte Gerät beziehen wollen, einen gewerblichen Handel damit treiben, kommen sie mit dem Medizinproduktegesetz in Berührung.
    Beim Verkauf von Privat an Privat ist das aber nicht so.

    2. Hygienische Bedenken spielen eine Rolle

    Ich schrieb ja oben schon plakativ, dass man sich auch gebrauchte Zahnprothesen oder ein Holzbein kaufen kann.
    Ob der Einsatz eines gebrauchten Gesundheitsproduktes für Sie infrage kommt, bleibt Ihnen überlassen.

    Bei einem Hörgerät haben wir es in der Regel mit Hinter-dem-Ohr-Geräten zu tun, die auch noch weitestgehend wasserdicht sind.
    Alleine beim Gerät selbst würde ich nach einer gründlichen Reinigung keinerlei hygienische Bedenken haben.

    Eine maßgefertigte Otoplastik, die schon jemand anders im Ohr hatte, werden Sie sich kaum ins Ohr stecken wollen. Hier wäre sowieso eine Neuanfertigung notwendig.

    3. Hörgeräte sind Maßanfertigungen

    Dazu heißt es im Netz an prominenter Stelle: „Wesentlich wichtiger ist allerdings, dass ein gebrauchtes Hörgerät an das individuelle Hörproblem des Vornutzers angepasst wurde und zu keinem weiteren Gehör passt.“

    Das ist ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Jedes Hörgerät, auch ein vollkommen neues, muss an den jeweiligen Patienten angepasst werden.
    Ein werksneues Hörgerät erfüllt auch nicht Ihre persönlichen Bedürfnisse.
    Deshalb muss selbstverständlich das gebrauchte Gerät an Sie angepasst werden. Das gilt für die Einstellungen in der Software.
    Jegliches maßgefertigtes Zubehör, wie ein Ohrpassstück, das nach individuellem Abdruck gefertigt wurde, muss sowieso neu gemacht werden.

    4. Geld von der Kasse gibt es nur für neue Geräte

    Tja, das stimmt natürlich. Die Kassen und ihre Versorgungspartner zahlen und liefern nur neue Geräte.
    Aber ein Mensch, der sich im Netz nach gebrauchten Geräten umschaut, wird wohl kaum deshalb suchen, weil er von der Kasse ein Gerät bezahlt bekommen würde.
    Er sucht entweder, weil er keinen Zuschuss bekommt, oder aber über das, was vom Zuschuss bezahlbar ist, hinaus ein besseres Hörgerät zu bekommen.

    Ganz wichtig: Sie können Sich nicht einfach ein gebrauchtes Hörgerät kaufen oder geben lassen und dann für sich verwenden.
    Ein Hörgerät muss immer ganz individuell auf Sie abgestimmt werden. Eventuell notwendige Ohrpassstücke sind Maßanfertigungen, die extra für Sie gemacht werden müssen.

    Das bedeutet, dass Sie auf jeden Fall einen kompetenten Hörgeräteakustiker an Ihrer Seite brauchen. Der muss das Gerät überprüfen und auf Ihre Bedürfnisse hin optimieren.
    Er muss auch ggfs. eine Otoplastik fertigen.

    Das macht aber nicht jeder Hörgeräteakustiker. Es liegt auf der Hand, dass diese lieber neue Geräte verkaufen.
    Aber wenn Sie klipp und klar sagen, dass Sie anderweitig gar keine Hörgerätversorgung bekommen können, und wenn Sie bereit sind den nicht unerheblichen Aufwand zu bezahlen, dann wird Ihnen auch geholfen.



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    Sie werden aber bei verschiedenen Akustikern nachfragen müssen.

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