• Otoplastik oder Schirmchen?

    Moderne Hörgeräte werden immer kleiner und unauffälliger. Viele finden: Das sieht sogar gut aus und fühlt sich richtig gut an.
    Je leichter ein Gerät aber sitzt, umso leichter rutscht es auch hin und her. Deshalb ist gerade bei den Miniatur-Hörgeräten ein optimaler Halt sehr wichtig.
    Hierbei gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, wie ein Hörgerät am Ohr befestigt wird.

    Schauen wir uns mal an, wie das gemacht wird.

    Wie hält ein Hörgerät am Ohr?

    Die meisten Menschen tragen ein HdO (Hinter-dem-Ohr-Hörgerät). Bei diesen sitzt die Technik hinter der Ohrmuschel.
    Der Schall wird entweder elektrisch über ein Kabel auf einen ausgelagertem Lautsprecher (Ex-Hörer), oder aber mechanisch über einen dünnen Kunststoff-Schlauch in den Gehörgang geleitet.
    Wenn dieser Schlauch einfach nur in den Gehörgang ragen würde, wäre das sehr schlecht. Sie würden unter Umständen sogar etwas hören. Aber das Hörergebnis wäre weder vorhersehbar, noch einstellbar.
    Außerdem wäre das eine ziemlich wackelige Angelegenheit, und in kürzester Zeit würde das Hörgerät vom Ohr fallen.
    Um das wirkungsvoll zu verhindern, gibt es individuell gefertigte oder standardisierte Ohrpassstücke. Die Akustiker nennen sie Otoplastik.
    Wenn es um die Auswahl der Otoplastik geht, stellen sich zwei wichtige Fragen:

    1. wird sicher und komfortabel Halt gegeben?
    2. Ist die akustische Abdichtung wirklich ausreichend?

    Schauen wir uns die beiden Fragestellungen einmal näher an.

    Sicherer und komfortabler Halt

    Hörgeräte sollen möglichst in allen Situationen des Alltags problemlos fest am Ohr sitzen. Ganz gleich ob Sie tanzen, turnen, joggen oder radfahren.
    Auch wenn es gut am Ohr sitzt, sollte das Hörgerät nicht drücken oder kneifen, sondern ganz komfortabel und bequem sitzen.
    Hörgeräteakustiker erreichen den besten Sitz am Ohr mit einer maßgeschneiderten Otoplastik. Dafür wird Ihr Ohr abgeformt und dieses Ohrpassstück individuell für Sie gefertigt.
    Eine Otoplastik sollte immer wie angegossen passen.

    Nachteil der Otoplastiken: Oft sind sie deutlich sichtbar und das stört viele Hörgeräteträger. Sie möchten eine möglichst unauffällige Versorgung.

    Deshalb gibt es alternativ auch die sogenannten Domes buw. Schirmchen. Diese sind aus weichem hautfreundlichem Material geferigt und verschwinden ziemlich im Gehörgang. Nur das dünne Kabel bzw. der dübbe Schlauch ist zu sehen. Dazu aber gleich mehr.

    Akustische Abdichtung hilft gegen lästiges Pfeifen

    Die akustische Abdichtung ist notwendig, damit der Schall, der vom Hörgerät kommt, auch im Ohr bleibt.
    Wie stark die Otoplastik den Gehörgang abdeckt oder wie offen sie bleiben soll, hängt von Ihrem Hörverlust ab. Hierbei spielt die benötigte Verstärkung eine Rolle, die Art Ihres Hörbedarfs und ob noch die tiefen Frequenzen gut gehört werden.

    Sie kennen sicher auch die Rückkopplungen bzw. das Pfeifen des Hörgerätes. Das Pfeifen betrifft eher die hellen Töne und tritt dann auf, wenn verstärkter Schall wieder auf das Hörgeräte-Mikrofon trifft.
    Bereits verstärkter Schall wird dann wieder verstärkt, kommt erneut ins Mikrofon und wird wieder verstärkt usw. bis dann das Pfeifen einsetzt.
    Man nennt das eine akustische Rückkopplung.
    Um das Pfeifen zu verhindern, haben die meisten besseren Hörgeräte einen Rückkoppelungsschutz. Dazu dienen leistungsfähige Algorithmen im Hörgerät, die Rückkopplungen unterdrücken.
    Wichtig ist aber bei einer Versorgung mit einer Otoplastik, dass diese gut sitzt.

    Was ist ein Schirmchen oder Dome?

    Wir sprechen bei den Schirmchen von einer sogenannten offenen Versorgung. Das Ohr wird hier nicht mit einer Otoplastik verschlossen.
    Schirmchen oder Domes sind kleine, vom Hersteller gefertigte Silikonhütchen. Sie sind aus einem ganz weichen und flexiblen Material.
    Die Hörgeräteakustiker bieten Dutzende verschiedener Domes an: große, mittlere und kleine, mit vielen Luftlöchern oder ganz kleinen Öffnungen, runde, lamellenartige oder längliche.
    Damit kann für jeden Gehörgang und fast für jeden Verstärkungsbedarf ein passendes Schirmchen gefunden werden.

    Einige Akustiker halten nichts von den Schirmchen. Sie benutzen die Schirmchen eigentlich nur, wenn die Kunden noch in der Testphase sind.
    So kann der Kunde verschiedene Hörgeräte schnell und unkompliziert vergleichen.
    Sie sagen, die Kunden würden die Schirmchen anfangs ganz gerne nutzen, weil sie sehr leicht und kaum zu spüren sind. Der Gehörgang fühle sich frei und offen an.
    Die Akustiker meinen aber, folgende Nachteile festgestellt zu haben:

    • Die Schirmchen im Gehörgang hin und her oder heraus.
    • Durch kleine Undichtigkeiten kann es zum lästigen Pfeifen kommen.
    • Das Hörergebnis ist unzureichend, weil das Schirmchen ein wenig verrutscht und der Schallaustritt nicht mehr genau auf das Trommelfell gerichtet ist.
    • Schirmchen seien nur ein Provisorium und hätten keine lange Lebensdauer.

    Schirmchen zu Unrecht verteufelt

    Okay, es gibt Hörgeräteträger, für die kommt gar nichts anderes als eine Otoplastik in Frage. Je komplizierter der Hörverlust ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass eine Versorgung mit Domes bzw. Schirmchen nicht in Frage kommt.
    Aber so schlimm, wie manche Akustiker es darstellen, sind die Schirmchen gar nicht. Das gilt vor allem dann, wenn im Schirmchen ein Ex-Hörer sitzt, also ein Mikro-Lautsprecher, der mittels eines hauchdünnen Kabels an das Hörgerät angeschlossen ist. Hier entsteht der Schall direkt im Ohr und viele der genannten angeblichen Nachteile fallen damit weg.
    Aber auch wenn ein dünner Schlauch verwendet wird, so ist es eine Frage der guten Abstimmung des Hörgeräts und der richtigen Auswahl des passenden Schirmchens, um einen guten Sitz zu erreichen.
    Nicht zu vergessen, dass zu einer Schirmchen-Versorgung immer auch die dünne Abstütz-Lasche gehört, die fast unsichtbar in der Ohrmuschel platziert wird und ein Verrutschen verhindert.
    Ich persönlich bin seit geraumer Zeit mit Schirmchen versorgt und glücklich. Keinen der genannten Nachteile kann ich feststellen.
    Ich kenne keine Rückkopplungen, der Ex-Hörer verrutscht nicht und ich habe auch kein schlechtes Hörerlebnis.
    Dass die Schirmchen nicht lange halten, liegt in der Natur der Sache: Sie sind ein Verschleißartikel, Punkt. Wenn ich zu meinem Akustiker gehe, und das sollte man ja alle 3-4 Monate sowieso tun, macht der ohne Umschweife jedesmal ein neues Schirmchen drauf. Außerdem hat er mit 4 oder 5 in einem Beutelchen mitgegeben, falls mal eins kaputtgehen sollte (was noch nie der Fall war).

    Welche Vorteile haben individuelle Otoplastiken?

    Ich möchte aber nicht verhehlen, dass die Vorteile der perfekten Haltgebung und der akustischen Abdichtung durch eine Otoplastik durchaus gegeben sind.
    Viele Menschen profitieren von der exakten Positionierung des Schallausgangs. Mit einer maßgefertigten Otoplastik kann der Akustiker nämlich genau definieren, wo im Gehörgang der Schall das Ohrpassstück verlässt.
    Gerade wenn es auf ein gutes Lärmmanagement ankommt, ist eine abgestimmte Dichtigkeit der Otoplastik wichtig.
    Die Wirkung von Störlärmunterdrückungen und Richtcharakteristiken ist nämlich nur dann wirklich spürbar, wenn der ganze störende Schall nicht vorbei an einem Schirmchen oder durch eine Otoplastik mit zu vielen oder zu großen Bohrungen ans Trommelfell gelangt.

    Natürlich gibt es inddividuelle Otoplastiken es ebenfalls in zahllosen Varianten: winzig kleine und größere, harte und weiche, transparente oder farbige.



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    Fazit: Der Versuch mit dem Schirmchen lohnt sich

    Ich finde, der Tragekomfort einer offenen Versorgung mit Schirmchen ist so groß, dass sich der Versuch für jeden lohnt. Das gilt insbesondere bei der Erstversorgung, weil dadurch die Akzeptanz steigt.
    Klappt das nicht, dann muss eine Otoplastik her, keine Frage. Aber das kann nicht irgendein Hörakustiker im Internet entscheiden, sondern nur Sie gemeinsam mit Ihren persönlichen Hörgerätespezialisten.

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